Kritische Betrachtungen eines Bundestagsabgeordneten zu dem Buch des Basler Philosophen

Von Erhard Eppler „Wie vergiftet muß die politische Atmosphäre eines Landes sein, in dem ein solches Buch zum Bestseller wird?“

Karl Jaspers beklagt sich (ZEIT Nr. 27), daß sein Buch „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ hierzulande „von allen Politikern ignoriert, von anderen bagatellisert“ werde. Nun weiß ich nicht so recht, was ein Politiker ist, vor allem nicht, ob ich deshalb einer bin, weil ich mich seit fünf Jahren als SPD-Abgeordneter im Bundestag mit Fragen der Finanz- und Außenpolitik herumschlage. Aber sicher bin ich keiner von denen, die Jaspers anspricht.

Vorweg: Ressentiments gegen die Intellektuellen habe ich keine, zumal ich selbst in diese Kategorie eingestuft werde. Dem Philosophen Jaspers verdanke ich manchen Denkanstoß. Daß ein Professor der Philosophie sich zu politischen Fragen äußert, halte ich für durchaus normal, aber ich bitte auch darum, daß man dem politisch Engagierten dieselbe Sorge um das Ganze unterstellt, die Jaspers umtreibt. Professorentitel sind in der politischen Diskussion freier Bürger so belanglos wie die Buchstaben MdB.

Jaspers schreibt: „Die Schriftsteller eines Volkes sagen, was ist.“ Können sie das? Ich jedenfalls – und das habe ich einmal von Jaspers gelernt – kann nur sagen, was ich von meinem Standort aus sehe, wie ich es werte, was ich will. Jaspers macht sich Sorgen um die Bundesrepublik. Er hat Grund dazu. Ich mache mir zusätzlich Sorgen über die Wirkung seines Buches, darum schreibe ich – im übrigen genau wie er, ohne Auftrag, ohne Absprache, ohne Rückendeckung.

Natürlich gibt es in dem neuenBuch vieles, was für die politische Diskussion hilfreich sein kann. Die Analyse der Verjährungsdebatte ist gründlichen Nachdenkens wert. Wenn Jaspers sich gegen die Behauptung von der Unveränderlichkeit des deutschen Volkscharakters wendet („wo man das tut, hört alle Hoffnung auf“), leistet er unserem Volke einen wertvollen Dienst. Wenn er auf den korrumpierenden Einfluß Konrad Adenauers auf die deutsche Innenpolitik hinweist, widerspreche ich ihm nicht. (Freilich: wie hätte er mich getadelt, wenn er mich vor zehn oder vierzehn Jahren darüber hätte sprechen hören!)

Irrtümer und Simplifikationen