Paris, im Juli

Ich sehe ein, daß die Atomschwelle in einem europäischen Konflikt niedriger werden muß, solange man nicht weiß, ob französische Truppen teilnehmen. Aber glauben Sie nicht, daß ich die Atomschwelle darum senken kann, weil ganz allgemein die europäischen Partner der Allianz nicht den Beitrag zu ihrer konventionellen Verteidigung leisten, den man erwarten muß.“ So argumentierte McNamara auf der Konferenz der NATO-Verteidigungsminister. Aus diesem Satz läßt sich kein fundamentaler Gegensatz mit den Auffassungen der Bundesrepublik herauslesen. Aber die Aufforderung, mehr für die Verteidigung auszugeben, war auch an Bonn gerichtet.

Auch die Erklärung, Amerika werde seine Verteidigungskapazität in Europa aufrechterhalten, solange die anderen ebenfalls ihre Verpflichtungen voll erfüllten, war eine mit Zusicherungen verklausulierte Drohung. Und der vorsichtige Gebrauch des Begriffs „Verteidigungskapazität“ an Stelle von „Truppenstärke“ zeigte, daß sich Washington die Hintertür für einen weiteren Truppenabzug aus Deutschland offen lassen will.

Die Konferenz hat gezeigt, daß die zukünftige Rolle der Franzosen nur eines der Probleme ist, mit denen sich die Allianz herumschlagen muß. Auch ohne die Schwierigkeiten, die von General de Gaulle ausgehen, mußten sich die Bündnispartner mit der Frage befassen, welche Konsequenzen aus der Beruhigung des Klimas zwischen Ost und West zu ziehen sind und wie das außerordentlich schwierige Problem der Verteilung atomarer Verantwortung gelöst werden kann.

Auf dem Gebiet der konventionellen Verteidigung zeichnet sich die Tendenz, die NATO auf Entspannungskurs zu legen, jetzt auch bei den Amerikanern ab: Sie wollen die Kompetenzen von Saceur (dem atlantischen Oberbefehlshaber in Europa) beschränken. Engländer, Holländer und andere Partner hatten schon vorher zu erkennen gegeben, daß sie den notwendigen Umzug aus Paris am liebsten mit einem Schrumpfungsprozeß jener Organe verbinden würden, die die gemeinsame Verteidigung vorbereiten sollen. Neben Shape ist es auch Afcent, der Stab von Fontainebleau. Er ist gerade jetzt, wo der Oberbefehl im Abschnitt „Europa Mitte“ in deutsche Hände gelegt ist (General Graf Kielmansegg) ein Dorn im Auge manches Nachbarn.

Daß die Auffassung über den akuten Charakter der Bedrohung aus dem Osten gegensätzlich ist, wurde an der Frage deutlich, ob die Amerikaner ihre Verteidigungskapazität in Europa eventuell auch über eine Luftbrücke aufrechterhalten können. Nach amerikanischer Meinung reicht die Vorwarnzeit heute dafür aus. Washington ist der Auffassung, daß sich kriegerische Absichten der Sowjetführung deutlich und früh abzeichnen würden. Der Bundesverteidigungsminister teilt diese Meinung nicht.

Am deutlichsten zeigt sich der Wunsch, die Möglichkeiten der Entspannung nicht zu gefährden, bei der Behandlung atomarer Fragen. Die Engländer haben eine Theorie entwickelt, nach der taktische Atomwaffen in Europa mehr Gefahren heraufbeschwören als Nutzen bringen. Sie möchten am liebsten zu einer Strategie zurückkehren, in der konventionelle Waffen von der Stärke eines „Stolperdrahts“ mit der massiven Abschreckung der strategischen Atomwaffen kombiniert sind. Auf diesen Weg begibt sich McNamara nicht. Das hat er deutlicher noch als durch Worte auch durch die Tatsache zu erkennen gegeben, daß er in einem Arbeitspapier für die Konferenz die Ablösung von bemannten Flugzeugen als Bombenträger durch Pershing-Raketen vorschlagen ließ. Die Umrüstung auf Pershing-Raketen, die ohnehin durch den technischen Fortschritt erzwungen wird, hat für die Amerikaner den Vorteil, daß es über den Einsatz dieser Raketen im Konfliktfall keinen Zweifel geben kann: Das Code-System, mit dem sie ausgelöst werden können, liegt todsicher ausschließlich beim amerikanischen Präsidenten. Atomare Pannen sind bei ihnen ausgeschlossen. Das ist ein wichtiges Argument gegenüber den Sowjets, mit denen sowohl Washington wie London zu einem Abkommen über das Verbreitungsverbot von Atomwaffen kommen wollen.