Von Hans Helmut Prinzler

Ostberlin, Karl-Marx-Allee, Kino International: Die überdimensionale Plakatwand ist leer. Kein Aushangphoto, kein Hinweis auf das Programm. Dennoch sind drei Tage lang alle Vorstellungen ausverkauft. Vor dem Theater diskutieren kleine Gruppen pro und contra. Während der ersten Abendvorführung – vor geladenen Gästen und zahlendem Publikum – pointieren Zwischenrufe die kritischen Szenen. Es heißt, sie seien bestellt. In einer Nachmittagsvorstellung gibt es spontanen Beifall. Nach drei Tagen ist der Kinospuk zu Ende. In dieser Zeit haben immerhin fast 8000 Ostberliner den Film gesehen, der jetzt als verboten gilt: „Spur der Steine

Die wechselvolle Geschichte dieses Films beginnt mit dem gleichnamigen Roman von Erik Neutsch. Das 912-Seiten-Buch schildert Krisen beim Aufbau des Sozialismus in der DDR. Es erschien, nach Vorabdruck in der FDJ-Zeitschrift „Forum“, zur Zweiten Bitterfelder Konferenz im April 1964, rechtzeitig genug, um von Walter Ulbricht als positives Beispiel zitiert zu werden. Der Literaturprofessor Hans Koch entdeckte darin „einen neuen Typus des großen Gesellschaftsromans“. Das Buch stand ein Jahr lang an der Spitze der mitteldeutschen Bestsellerliste, sein Autor kassierte 1965 den „Nationalpreis“. Die um Gegenwartsstoffe stets verlegene Staatsfilmgesellschaft DEFA entschloß sich alsbald, die „Spur der Steine“ für die Kinos aufzubereiten. Stoffe aus zweiter Hand bergen für Babelsbergs Dramaturgen wenig Risiken, da die offiziöse Kritik eventuelle Widerhaken längst geglättet hat, ehe der Film schließlich ins Atelier geht.

Die Dreharbeiten zu „Spur der Steine“ begannen im Mai 1965. Bis dahin hatten Karl-Georg Egel, ein linientreuer Autor, und Frank Beyer, 33 Jahre alt und nächst Konrad Wolf der begabteste DEFA-Regisseur, aus dem Mammutroman eine Drehvorlage kompiliert.

Im November lag die Rohfassung vor. Sie mußte über die schwierigste ideologische Hürde gehoben werden: den Reinigungsprozeß nachdem 11. Plenum des ZK der SED, dem vier andere Gegenwartsfilme zum Opfer fielen. Daß die „Spur der Steine“ ohne größere Korrekturen weiter verfolgt werden durfte, hatte vor allem zwei Gründe. Zum einen half dem Regisseur Frank Beyer sein freundschaftliches Verhältnis zum neuen DEFA-Chefdramaturgen Hans Oliva-Hagen. Zum anderen hatte sich der Co-Autor Karl-Georg Egel gerade mit seinem fünfteiligen Fernsehfilm „Dr. Schlüter“ die besondere Anerkennung des Politbüros erworben. Beyer und Egel hatten auch in der Vergangenheit der, Partei nie Sorgen gemacht, während andere Regisseure und Autoren – etwa der renommierte Konrad Wolf – des öfteren ins SED-Kreuzfeuer geraten waren. So durfte das Kollektiv im März mit „Spur der Steine“ in die Endfertigung gehen.

Mitte Mai wurde die erste Kopie bei der Hauptverwaltung Film im Ministerium für Kultur abgeliefert und akzeptiert. Die nächste Klippe war der im März auf Geheiß Walter Ulbrichts gegründete „Filmbeirat“, der gerade die Einstellung der Dreharbeiten an dem kritischen Gegenwartsfilm „Fräulein Schmetterling“ (Drehbuch: Christa Wolf) verfügt hatte. Das Gremium, ein „demokratisches Beratungsorgan“, das Filmschöpfer, Gesellschaftswissenschaftler, Werktätige aus Industrie und Landwirtschaft sowie Vertreter gesellschaftlicher Organisationen vereint, beschäftigte sich in seiner Sitzung am 24. Mai mit Beyers „Spur der Steine“. Die Nachrichtenagentur ADN meldete tags darauf: „Der Beirat empfahl die baldige Aufführung des Films. Der Regisseur dankte dem Beirat für die fruchtbare Diskussion und versicherte, kritische Hinweise bei seiner künftigen Arbeit an Gegenwartsfilmen zu berücksichtigen.“ Die Agentur verschwieg, daß einflußreiche Beiratsmitglieder Bedenken gegen den Film geäußert hatten. Von dieser Seite wurden denn auch Politbürokraten mobilisiert, die den Film zu sehen wünschten.

Sie wurden zur Premiere geladen, die am 15. Juni während der achten Arbeiterfestspiele in Potsdam-Babelsberg stattfand. Das Neue Deutschland berichtete damals: „Die Premierengäste dankten den Schöpfern des Films mit starkem Beifall“; die Zeitung berichtete nicht, daß sich besonders die anwesende Parteiprominenz reserviert verhielt und Widerspruch gegen den Film zu inszenieren begann. Die übliche Rezension blieb im Zentralorgan aus. Horst Knietzsch, Chefkritiker des ND, wollte offenbar kein Risiko eingehen, bevor vom Politbüro über den Film endgültig entschieden war.

Dennoch kam es zur effektvoll annoncierten Erstaufführung in Ostberlin. Am Premierentag erreichten die Spannungen zwischen Fürsprechern und Gegnern des Films ihren Höhepunkt. Das eingeladene Schöpferkollektiv blieb schmollend zu Hause, eine Parteikolonne spielte die Ablehnung des Publikums. In den Zeitungen wurde der Film sofort totgeschwiegen, der Progreß-Filmvertrieb zog sämtliche Presse- und Werbematerialien zurück. Drei Tage lang konnten Eingeweihte, Neugierige und bestellte Protestierer den Film noch sehen, dann wurde die Kopie abgerufen. Gleichzeitig machte das Ministerium für Kultur die Meldung von „Spur der Steine“ bei den Filmfestspielen im tschechischen Karlovy Vary rückgängig.

Über die Absetzung des Films vom Kinospielplan wurde in Ostberlin nicht berichtet. Als Epitaph erschien lediglich im Neuen Deutschland einige Tage später ein Verriß: „Der Film... wird der Größe seines Themas nicht gerecht. Er gibt ein verzerrtes Bild von unserer sozialistischen Wirklichkeit, dem Kampf der Arbeiterklasse, ihrer ruhmreichen Partei und dem aufopferungsvollen Wirken ihrer Mitglieder ... Es lassen sich aus diesem Film viele Beispiele zitieren, an denen ablesbar ist, wie kraß der Regisseur der Wahrheit unseres Lebens Gewalt angetan, wie wenig er die revolutionären Triebkräfte unserer sozialistischen Gesellschaft künstlerisch erfaßt hat... Der Film erfaßt nicht das Ethos, die politisch-moralische Kraft der Partei der Arbeiterklasse und der Ideen des Sozialismus, bringt dafür aber Szenen, die bei den Zuschauern mit Recht Empörung auslösten.“

Was erregte nun den späten Unmut der wiedererstarkten Dogmatiker? Die Autoren Beyer und Egel konzentrierten den weitschweifigen Roman auf einen Punkt, auf die Großbaustelle „Schkona“. Drei Figuren liefern die Konfliktsituationen: Der Zimmermann-Brigadier Hannes Balla, ein Haudegen auf der Baustelle, wertvoll in seiner Arbeit, aber ein Genossen-Hasser, der alle Parteibeschlüsse mißachtet; Werner Horrath, Parteisekretär in Schkona, verheiratet, ein liberaler, patenter Funktionär; und Katrin Klee, als frisch-diplomierte Ingenieurin der Brigade Balla zugeordnet.

Horrath und Katrin Klee beginnen ein Verhältnis, das nicht ohne Folgen bleibt. Vor der Parteiorganisation verheimlicht Katrin den Vater ihres Kindes, Horrath zeigt sich in der Versammlung als moralischer Versager. Gleichzeitig vollzieht sich in Balla, unter dem Einfluß von Horrath und Katrin Klee, ein Bewußtseinswandel, der ihn in den Schoß der Partei führt. Am Ende sind alle Figuren mit Fragezeichen versehen: Horrath hat seine Funktion an einen dogmatischen Eiferer abgeben müssen, Katrin Klee verläßt enttäuscht die Baustelle, und Balla, zur sozialistischen Einsicht gekommen, fühlt sich von allen verlassen.

So kritisch hat bisher kein DEFA-Film das Wirken der Partei mit ihren Widersprüchlichkeiten gezeigt. Es werden dabei nicht nur Heuchelei, doppelte Moral und Dogmatismus in der sozialistischen Gesellschaft offenbar, es stehen auch die Schwierigkeiten des ökonomischen Systems zur Debatte. Und es findet Satire statt. In einer der ersten Szenen erfolgt das vielzitierte Nacktbad von sechs Zimmerleuten im Dorfteich. Am Ufer plustert sich ein Volkspolizist auf: „Im Namen des Gesetzes, meine Herren, verlassen Sie sofort den Teich!“ Er wird – wie ein Denkmal der Autorität – von Balla ins Wasser gestürzt. Diese Szene wurde keineswegs – wie es „Der Spiegel“ wissen wollte – auf Anweisung der Partei getilgt, sie fand, im Gegenteil, sogar in den gestörten Vorstellungen ungeteilten Anklang.

Die politische Diskussion entzündete sich vielmehr an der zweiten Hälfte des Films, am Verhalten des Parteisekretärs Horrath und seines Nachfolgers Bleibtreu. Hier sind die Tabus am deutlichsten verletzt, hier kann auch die zur „proletarischen Heldengestalt“ stilisierte Figur des Balla nicht mehr neutralisieren. Die „führende Rolle der Partei“ darf so eindeutig nicht in Frage gestellt werden. Dabei ist es noch nicht einmal sicher, ob sich Beyer und Egel über die Konsequenz ihres Tuns im klaren waren. Sie sind – wie einige ihrer Vorgänger – offensichtlich dem Ehrgeiz verfallen, die Widersprüche in der DDR-Wirklichkeit realistisch zu schildern. Solange freilich die Buchhandlungen noch den Roman feilbieten, ist das heiße Eisen „Spur der Steine“ nicht begraben.