Dennoch kam es zur effektvoll annoncierten Erstaufführung in Ostberlin. Am Premierentag erreichten die Spannungen zwischen Fürsprechern und Gegnern des Films ihren Höhepunkt. Das eingeladene Schöpferkollektiv blieb schmollend zu Hause, eine Parteikolonne spielte die Ablehnung des Publikums. In den Zeitungen wurde der Film sofort totgeschwiegen, der Progreß-Filmvertrieb zog sämtliche Presse- und Werbematerialien zurück. Drei Tage lang konnten Eingeweihte, Neugierige und bestellte Protestierer den Film noch sehen, dann wurde die Kopie abgerufen. Gleichzeitig machte das Ministerium für Kultur die Meldung von "Spur der Steine" bei den Filmfestspielen im tschechischen Karlovy Vary rückgängig.

Über die Absetzung des Films vom Kinospielplan wurde in Ostberlin nicht berichtet. Als Epitaph erschien lediglich im Neuen Deutschland einige Tage später ein Verriß: "Der Film... wird der Größe seines Themas nicht gerecht. Er gibt ein verzerrtes Bild von unserer sozialistischen Wirklichkeit, dem Kampf der Arbeiterklasse, ihrer ruhmreichen Partei und dem aufopferungsvollen Wirken ihrer Mitglieder ... Es lassen sich aus diesem Film viele Beispiele zitieren, an denen ablesbar ist, wie kraß der Regisseur der Wahrheit unseres Lebens Gewalt angetan, wie wenig er die revolutionären Triebkräfte unserer sozialistischen Gesellschaft künstlerisch erfaßt hat... Der Film erfaßt nicht das Ethos, die politisch-moralische Kraft der Partei der Arbeiterklasse und der Ideen des Sozialismus, bringt dafür aber Szenen, die bei den Zuschauern mit Recht Empörung auslösten."

Was erregte nun den späten Unmut der wiedererstarkten Dogmatiker? Die Autoren Beyer und Egel konzentrierten den weitschweifigen Roman auf einen Punkt, auf die Großbaustelle "Schkona". Drei Figuren liefern die Konfliktsituationen: Der Zimmermann-Brigadier Hannes Balla, ein Haudegen auf der Baustelle, wertvoll in seiner Arbeit, aber ein Genossen-Hasser, der alle Parteibeschlüsse mißachtet; Werner Horrath, Parteisekretär in Schkona, verheiratet, ein liberaler, patenter Funktionär; und Katrin Klee, als frisch-diplomierte Ingenieurin der Brigade Balla zugeordnet.

Horrath und Katrin Klee beginnen ein Verhältnis, das nicht ohne Folgen bleibt. Vor der Parteiorganisation verheimlicht Katrin den Vater ihres Kindes, Horrath zeigt sich in der Versammlung als moralischer Versager. Gleichzeitig vollzieht sich in Balla, unter dem Einfluß von Horrath und Katrin Klee, ein Bewußtseinswandel, der ihn in den Schoß der Partei führt. Am Ende sind alle Figuren mit Fragezeichen versehen: Horrath hat seine Funktion an einen dogmatischen Eiferer abgeben müssen, Katrin Klee verläßt enttäuscht die Baustelle, und Balla, zur sozialistischen Einsicht gekommen, fühlt sich von allen verlassen.

So kritisch hat bisher kein DEFA-Film das Wirken der Partei mit ihren Widersprüchlichkeiten gezeigt. Es werden dabei nicht nur Heuchelei, doppelte Moral und Dogmatismus in der sozialistischen Gesellschaft offenbar, es stehen auch die Schwierigkeiten des ökonomischen Systems zur Debatte. Und es findet Satire statt. In einer der ersten Szenen erfolgt das vielzitierte Nacktbad von sechs Zimmerleuten im Dorfteich. Am Ufer plustert sich ein Volkspolizist auf: "Im Namen des Gesetzes, meine Herren, verlassen Sie sofort den Teich!" Er wird – wie ein Denkmal der Autorität – von Balla ins Wasser gestürzt. Diese Szene wurde keineswegs – wie es "Der Spiegel" wissen wollte – auf Anweisung der Partei getilgt, sie fand, im Gegenteil, sogar in den gestörten Vorstellungen ungeteilten Anklang.

Die politische Diskussion entzündete sich vielmehr an der zweiten Hälfte des Films, am Verhalten des Parteisekretärs Horrath und seines Nachfolgers Bleibtreu. Hier sind die Tabus am deutlichsten verletzt, hier kann auch die zur "proletarischen Heldengestalt" stilisierte Figur des Balla nicht mehr neutralisieren. Die "führende Rolle der Partei" darf so eindeutig nicht in Frage gestellt werden. Dabei ist es noch nicht einmal sicher, ob sich Beyer und Egel über die Konsequenz ihres Tuns im klaren waren. Sie sind – wie einige ihrer Vorgänger – offensichtlich dem Ehrgeiz verfallen, die Widersprüche in der DDR-Wirklichkeit realistisch zu schildern. Solange freilich die Buchhandlungen noch den Roman feilbieten, ist das heiße Eisen "Spur der Steine" nicht begraben.