H. K., Hamburg

Am Tag, als das Urteil verkündet wurde, absolvierte Panzergrenadier Achim Reichel in neuen Stiefeln einen Fünf-Kilometer-Marsch, wie die Ausbildungsordnung der Bundeswehr es vorsieht. Und während der Rekrut leise vor sich hinstöhnte und über Blasen an den Füßen klagte, erhoben sich die Richter der 4. Kammer des Hamburger Verwaltungsgerichts, und ihr Vorsitzender, Präsident Hußmann, verkündete: „Die Klage ist abgewiesen!“ Rekrut Achim Reichel hat Soldat zu bleiben.

Panzergrenadier Achim Reichel, 22 Jahre alt, Ehemann und Vater von zwei Kindern, ist im Privatleben ein Rattle. Ein Rattle ist die deutsche Ausgabe der berühmten englischen, von der Königin dekorierten Beatles. Was John Lennon für die Beatles ist, ist Achim Reichel für die Rattles. Er ist ihr Bandleader, fabriziert für sie Texte, setzt Töne und schlägt die Gitarre. Der Hamburger Star Club ist ihr Domizil. Von hier aus gehen sie auf ertragreiche Tourneen. Sie heizten beispielsweise kürzlich das Publikum in München, Essen und Hamburg mit ihren Rhythmen ein, das kreischend auf den 28minütigen Auftritt der Beatles wartete. Rattles-Schallplatten werden am laufenden Band gepreßt, verkauft in die USA und nach England. Manager Weißleder sortiert Einladungen aus München und Amerika. Fernsehaufnahmen sind in Sicht. Kurz, großartige Perspektiven taten sich für die vier Kellerkinder mit den langen Mähnen auf. Einnahmen waren vorauszusehen, gegen die die 3000 Mark, die heute jeder von ihnen monatlich verdient, ein Taschengeld sein werden.

Doch da flatterte dem Ober-Rattle unerwartet der Einberufungsbefehl ins Haus: Das Kreiswehrersatzamt bat den Beatkomponisten zu einem 18monatigen Gastspiel auf den Kasernenhof. Die Bundeswehr zeigte jedoch Verständnis. Für ein halbes Jahr stellte sie den Rattle zurück, zwecks seine und seiner Band Geschäfte abzuwickeln. Achim Reichel aber dachte an die Millionen seiner britischen Kollegen und klagte, als nach einem halben Jahr der endgültige Befehl kam, vor dem Verwaltungsgericht. Er trug den Richtern vor: Die Musik, die er mache, sei mehr oder weniger Modesache. In den 18 Monaten seines Wehrdienstes könne sie passé sein. Seine Karriere, die sich so hoffnungsvoll anläßt, könne er dann nie wieder nachholen. Der Anschluß sei dann verpaßt.

Die hanseatischen Verwaltungsrichter waren anderer Meinung: „Es liegen bisher keine Anzeichen dafür vor, daß die Beatmusik in naher Zukunft aus der Mode geraten wird.“ Den Richtern ging es um den Gleichheitsgrundsatz. Am letzten Verhandlungstag vor der Urteilsverkündung beschied der Vorsitzende den Rattle: „Die Frage ist hier doch, ob Sie eine andere Behandlung als die anderen beanspruchen können. Es geht um das Prinzip der Gleichheit, unter dem allein die allgemeine Wehrpflicht besteht, die eine Belastung für jeden jungen Mann darstellt. Sie haben großen Erfolg gehabt – das ist verbrieft –. Aber wenn Sie nochmals zurückgestellt werden, kommen Sie dann nicht und sagen nachher: Jetzt sind wir groß im Geschäft, jetzt geht es überhaupt nicht mehr‘?“

Der Anwalt des Rattle-Rekruten will gegen das Urteil Revision einlegen. Die Richter des Oberverwaltungsgerichts sollen entscheiden, ob die Gitarre oder das NATO-Sturmgewehr in des Ratties Hand gehören. Sie werden alles noch einmal neu durchdenken: den Gleichheitsgrundsatz, die Modebezogenheit des Beat; vielleicht denken sie auch an die möglichen Steuern, die der Ober-Rattle der Bundeskasse einbringen könnte, oder an die Devisen. Vielleicht fragen sie auch im Bundeswehrministerium nach, wer wann wo freigestellt werden kann. Gibt es nicht etwa einige Präzedenzfälle? Da ist zum Beispiel der Sohn eines mittelständischen Unternehmers, der vorerst nicht in die Kaserne einzurücken braucht, weil sonst der Betrieb zusammenbrechen könnte, oder der junge Bauer, der keine weitere Arbeitskraft hat.

Rattie Reichel hat nichts gegen Uniformen. Er paßt sich den militärischen Sitten an. Seine blonde Mähne ist schon gefallen. Der Stahlhelm sitzt. Aber er setzt seine ganzen Hoffnungen auf die Revisionsrichter. Werden sie ihn vom Kasernendienst erlösen und auf der Beatwelle weiter schwimmen lassen, bis sie abgeebt ist und ihn dann endgültig auf den Kasernenhof schwemmt?