Einen Strauß von Vorschußlorbeeren hatte man Hans-Joachim Lieber geflochten, als er vor einem Dreivierteljahr Rektor der Berliner Freien Universität wurde. Politisches Fingerspitzengefühl, demokratische Gesinnung und diplomatisches Geschick rühmten ihm viele Kollegen nach, und die Studenten waren froh, einen progressiven Philosophen, den Herausgeber einer Karl-Marx-Edition, als Magnifizenz zu bekommen. Er erschien ihnen allen als ein rettender Engel, denn die Amtszeit Professor Lüers’, seines Vorgängers, war turbulent verlaufen. Resolutionen und offene Briefe, Disziplinarmaßnahmen und Demonstrationen hatten einander abgelöst. Kein Wunder also, daß man den 43jährigen neuen Rektor damals als eine Art Wunderdoktor begrüßte.

In das Zimmer des Rektors scheint hell die Sonne. Ferienstimmung an der FU. Das Semester ist abgeschlossen, nur Examenskandidaten büffeln in Seminaren und Bibliotheken. Ein Hauch von Ruhe und Frieden scheint über dem bürgerlichen Dahlemer Villenviertel und seinen neuen Universitätsinstituten zu liegen. Doch der Schein trügt.

Hans-Joachim Lieber denkt mit Schrecken an sein erstes Amtsjahr als Rektor zurück. Der braungebrannte Mann, der so wenig dem Klischee eines deutschen Professors entspricht, sportlich, unkonventionell, schnell in Frage und Antwort, hat es mit rebellischen Studenten zu tun und mit konservativen Professoren, die sich an überkommene Autoritätsansprüche klammern.

Rektor Lieber ist einmal deutscher Jugendskimeister gewesen. Und nicht unähnlich einer Slalomfahrt war die erste nun hinter ihm liegende Amtsperiode. Die Studenten freilich hätten eine rasante Schußfahrt ihres Rektors lieber gesehen. „Ich habe versucht, eine mittlere Linie durchzuhalten“, resümiert er. Dies aber dankten ihm weder die Kommilitonen noch die Kollegen. Verlangten jene, er solle aus Protest gegenüber reaktionären Vorschlägen des akademischen Senats zurücktreten, so forderten diese von ihm, sich von demonstrierenden Studenten zu distanzieren.

Professor Liebers Absicht war es, mit pragmatischen Mitteln, durch Gespräche und Kompromisse, an der Freien Universität die „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“ zu erhalten. Aber die Studenten verstanden seine Politik nicht immer, oder sie wollten sie nicht verstehen. Ein Beispiel: Er führte monatliche Gespräche mit dem Chef der Studentenvertretung ein. Der jetzige Asta-Chef, Knut Nevermann, ließ sich zweimal kurzfristig entschuldigen – es sei ihm etwas Wichtiges dazwischengekommen. Magnifizenz Lieber schüttelt den Kopf: Persönlich kann eine solche „Mißachtung des Rektors“ ihn nicht treffen. Seine Kollegen aber nehmen sie zum Anlaß, ihm zu bedeuten, er könne sich von dem Asta-Chef nicht an der Nase herumführen lassen.

„Die Studenten treten auf der einen Seite gegen Autorität auf und wollen sich ihr nicht beugen. Auf der anderen überfordern sie die Autorität des Rektors. Sie verlangen von mir Entscheidungen, die ich gegen meine Kollegen im Senat treffen müßte. Sicher, ich kann nicht abgewählt werden. Aber Politik gegen die Mehrheit des Senats zu machen, ist absurd. Ich bin schließlich nur ein Primus inter pares. Ich muß einen Consensus herbeiführen. Wenn ich immer so könnte, wie ich wollte ...“

Sein diplomatisches Abwägen aber honorieren die Studenten nicht. Die Liebe und das Vertrauen, das sie ihm als Lehrer oder Doktorvater entgegenbrachten, sind umgeschlagen in Gefühle, die fast der Verachtung gleichkommen. Zwar wissen viele von ihnen ein Hohes Lied auf seine Qualitäten als Pädagoge zu singen: Er leite die Seminare souverän, lasse andere Meinungen gelten, sorge sich um jeden Studenten, der in seine Sprechstunde kommt, und helfe sofort. In seiner Rolle als Rektor aber verwirrt er sie. Er verspricht ihnen heute etwas, das er morgen nicht halten kann. Politischen Demonstrationen, gegen die er heute nichts einwendet, begegnet er morgen mit dem Hinweis auf Polizeiverordnungen, Hausordnungen und Feuergefahr.