Paul Sérant: Die politischen Säuberungen in Westeuropa, Stalling Verlag, Oldenburg. 344 Seiten, 24,– DM

Die englischen Kanalinseln befinden sich, seit Wilhelm der Eroberer 1066 den Thron bestieg, im Besitz der englischen Krone, sie wurden 1940 von den deutschen Truppen besetzt und nach der Kapitulation des Großdeutschen Reiches befreit. Die beiden Gouverneure auf Jersey und Guernsey hatten von der Krone Anweisung erhalten, weiterhin für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen, sie hatten mit den deutschen Militärs bestimmte Abmachungen getroffen – wie würde man sie nach der Befreiung behandeln? Immerhin gab es auf der Insel Alderney ein Konzentrationslager, in dem etwa tausend Menschen umgekommen sein sollen, einige hundert Einwohner der Inseln wurden aus den verschiedensten Gründen von den Militärbehörden verhaftet und nach Deutschland deportiert.

Anstatt ein Sondergericht einzuberufen, ließ die britische Regierung eine Liste jener Inselbewohner aufstellen, die eine Auszeichnung oder eine Erhebung in den Adelsstand verdient hätten – einschließlich der beiden Gouverneure, von denen einer allerdings nach der Erhebung in den Adelsstand zurücktrat, weil er seinerzeit eine finanzielle Belohnung für die Ergreifung sogenannter „V-Maler“ ausgesetzt hatte. In diesem Verfahren manifestiert sich die britische Auffassung, daß Freiheit erst dann gegeben sei, wenn auch ihre ärgsten Feinde das Recht zu freier Meinungsäußerung besäßen – eine Auffassung, zu der sich andere Nationen in Europa nur schwer durchringen können.

Der Verfasser des vorliegenden Buches, 1922 in Paris geboren, hat im Kriege bei der British Broadcasting Company in London gearbeitet, ist also auf keine Weise von den Säuberungen betroffen. Mit unbeirrbarer Sachlichkeit, die sich aus dem ebenso unbeirrbaren Liberalismus seines englischen Aufenthaltes ergeben mag, beschreibt er die sogenannten Säuberungen nach 1945 in den westeuropäischen Ländern, wobei sich aus dem verständlichen Bemühen, die Entwicklung unparteiisch zu betrachten, nicht selten unerwünschte Perspektiven ergeben müssen.

Der Versuch, das unter deutscher Herrschaft begangene Unrecht zu sühnen, führte auf vielfältige Weise zur Entstehung neuen Unrechts, und die Beispiele hierfür, die Sérant zusammengetragen hat, sind allzu zahlreich, als daß sie übersehen werden könnten. In Frankreich zum Beispiel soll es, vorsichtig geschätzt, nach der Befreiung dreißig- bis vierzigtausend „spontane Hinrichtungen“ gegeben haben, und der in dieser Zahl enthaltene Prozentsatz grundlos gemordeter Menschen ist nicht einmal zu ahnen. Ein Beispiel: Allein wegen ihrer Zugehörigkeit zur „Ecole de cadres de la Milice“ in Uriage wurden 77 Schüler in Grand-Borman (Isère) in Gruppen zu viert erschossen.

Besondere Aufmerksamkeit beanspruchen die Urteile über profilierte Persönlichkeiten der Kollaboration, so die Prozesse gegen Guido Schmidt in Österreich, Degrelle und Henrik de Man in Belgien, Pétain, Laval, Brasillach, Maurras in Frankreich, desgleichen die Bestrafung von Ezra Pound, Knut Hamsun, der Marionetten Quisling und Mussert. Eingeleitet wird das Buch mit einem Versuch, die politische Situation vor Hitler zu analysieren; ein Kapitel gilt den Nürnberger Prozessen, deren juristische Grundlage als zweifelhaft beurteilt wird. Als einen Wendepunkt in der ausschließlich moralischen Beurteilung der Ereignisse und als Durchbruch des gesunden Menschenverstandes sieht Sérant den Prozeß gegen Feldmarschall Erich von Manstein, der bekanntlich von dem Engländer Paget verteidigt wurde. Dessen Argumentation hat, obwohl sie Manstein nicht vor der Verurteilung zu fünfzehn Jahren Gefängnis bewahren konnte, in Großbritannien tiefen Eindruck hinterlassen.

Bei der Durchsicht des von Sérant zusammengetragenen Materials, das nationalem Pharisäertum oder tendenziösen Gegenrechnungen auf ärgerliche Weise Vorschub leisten wird – eine Wirkung, die nicht dem Buch, sondern seinen deutschen Lesern anzulasten wäre –, wünscht man sich den Kommentar eines Psychologen, der sich in Massenwahn und Massenverhalten auskennt. Seltsam erscheint uns zum Beispiel, daß bei der großen Säuberung in Frankreich praktisch alle Redaktionen aller Zeitungen zur Rechenschaft gezogen wurden, die während der vier Jahre der Besatzungszeit erschienen sind; die politischen Redakteure wurden zu Gefängnis, Zwangsarbeit und zum Tode verurteilt, die Verlagsdirektoren und Kaufleute kamen mit Geldstrafen davon; die Psychose ging so weit, daß ein Journalist, der auf Grund eines ihm untergeschobenen Zitates verurteilt werden sollte, vom Staatsanwalt hören mußte, man wolle sich nicht „mit Anführungsstrichen aufhalten“. Offenbar dienten die, die jahrelang eine bestimmte Denkweise stellvertretend für ihre Leser formuliert hatten, als Sündenböcke, und je größer Angst und eigene Schuldgefühle waren, desto größer die leidenschaftliche Bereitschaft, andere zu verurteilen.