Zehn Jahre danach – Wilson hat aus den Fehlern Edens wenig gelernt

London, im Juli

Am 26. Juli 1956 verstaatlichte Ägypten den Suez-Kanal. Die Krise, die damit ausgelöst wurde, bildete zusammen mit dem Ungarn-Aufstand den Höhepunkt des Kalten Krieges. Die Wechselwirkung beider Ereignisse versetzte dem Westen einen nachhaltigen politischen Schock. „Suez“ wurde ein Stichwort für Versäumnisse, Fehleinschätzungen und internen Zwist der alten Mächte.

Das ist nun zehn Jahre her. Die Hauptakteure sind abgetreten. Ben Gurion schmollt mit seiner Partei und seinem Staat. Eisenhower schreibt Memoiren. Mollet ist durch de Gaulle absorbiert, Pineau treibt Lokalpolitik, Eden entwirft Vietnam-Friedenspläne auf dem Krankenlager. Selwyn Lloyd ist sicher, nicht als Außenminister, sondern als Erfinder der Wirtschaftsbremse fortzuleben, die soeben wieder betätigt wurde. Chruschtschow und Bulganin privatisieren, John Foster Dulles ist tot.

Nur einer amtiert noch, der Mann, den damals alle zu. Fall bringen wollten, die in Tel Aviv, London und Paris an den Drähten zogen: Nasser. Er gibt englischen Journalisten Interviews zum 10. Jahrestag seines Handstreichs und kann es sich leisten, darin von seinen wohlwollenden Gefühlen gegenüber dem britischen Volk zu sprechen. Der Mann, dem Churchill damals prophezeite: „Wenn das vorüber ist, dann ist er erledigt“, genießt einen doppelten Triumph: Er ist mit der Beute davongekommen und muß sie nicht einmal zu dem Zweck nutzen, der ihm damals vorschwebte. Die Einnahmen aus den Kanalgebühren (1965: etwa 800 Millionen Mark) braucht die ägyptische Regierung nicht – oder nicht vollständig – in das Assuan-Projekt zu stecken. Das floriert, weil der Rubel – westlicher Skepsis zum Trotz – seit 1958 rollt. In drei Jahren wird von dort aus die Stromversorgung des Landes verdoppelt werden. Und wie lange es immer dauern mag, ehe die Wüste vom Nilwasser zu leben beginnt: Der Anfang ist gemacht, der Nasser-See füllt sich. Der Prügelknabe von 1956 kann sich unter besseren Voraussetzungen darauf konzentrieren, das Schicksal seiner Gründerkollegen Nkrumah und Sukarno zu vermeiden.

Soldaten und Investitionen

In der rückblickenden Einschätzung des Suez-Abenteuers sind sich die Westmächte heute einig. Es war das Pearl Harbour der Briten, ihr großes Versagen beim allmählichen Abbau des Empire. Die Londoner Politik wurde besonders hart getroffen, weil man dort bis dahin die Kenntnis des Nahen Osten gepachtet zu haben schien. Die sieben Säulen englischer Ägyptenweisheit brachen so krachend zusammen, daß es in Whitehall und in der Konservativen Partei lange nachhallte. Eine Art Verdrängung war die Folge. Während die übrigen Beteiligten allmählich mit großem Freimut über Suez reden, schweigen die britischen Akteure. Pineau hat soeben in der BBC-Dezenniums-Serie den Schleier gelüftet, der über den Abmachungen lag, die dem Einfall der Israeli voraufgingen. Eden, heute Lord Avon, will über solche Details nicht sprechen. Lord Butler, der jetzt mit der BBC etwa fünf Stunden Fernseh-Memoiren aufgenommen hat, wünscht große Teile davon erst später gesendet zu sehen. Man darf sicher sein, daß Rücksichten auf die Überlebenden von Suez dabei eine Rolle spielen.