Weltmeisterschaften der Gelassenheit – Phantastische Leistungen der Schützen

Von Walter Umminger

Weltmeisterschaften der Superlative fanden statt. Nicht in England, sondern in Wiesbaden. Freilich machten die Torschützen der Fußballer mehr Schlagzeilen, erregten deren Fehlschüsse heftiger die Gemüter, als es den Sportschützen gelingen konnte. Aber das ist ganz in Ordnung so. Denn die Sportschützen lieben den diskreten Superlativ; sie sind Fanatiker der Gelassenheit – was nur scheinbar ein Widerspruch ist – und haben bloß milde Ironie dafür übrig, wenn man mit Zahlen auftrumpft.

Etwa mit solchen: der Deutsche Schützenbund, mit über einer halben Million Mitgliedern hinter den Fußballspielern und Leichtathleten der drittgrößte Sportverband in der Bundesrepublik, empfing als Gastgeber der 39. Schießsport-Weltmeisterschaften 1023 Sportschützen und – da sträubt sich ein wenig die Sprache – Sportschützinnen aus 49 Nationen. Es war dies, bei Licht betrachtet, die größte internationale Sportveranstaltung, die seit den Olympischen Spielen in Berlin 1936 auf deutschem Boden stattfand.

Um noch einen Augenblick bei der Parenthese zu verweilen: im Deutschen Schützenbund spricht man von „Schüzenbrüdern“ und „Schützenschwestern“. Das klingt zwar etwas altväterlich; doch da man seit rund 800 Jahren daran gewöhnt ist, behält man es bei. Solche Redeweise gewinnt aber noch aus einem anderen Grund eine gewisse Berechtigung. Die Atmosphäre, die unter den Schützen herrscht, ist so familiär, und zwar nicht nur im nationalen, sondern auch im internationalen Bereich, wie man es in dieser Selbstverständlichkeit eben selten antrifft.

Das wurde deutlich sichtbar bei den Siegerehrungen, an denen es in den Tagen vom 14. bis zum 24. Juli in Wiesbaden-Freudenberg nicht mangelte. Da wurden keine Nationalhymnen gespielt, da stiegen nicht die Landesfarben der drei Besten an den Masten hoch, und dennoch hatte der Akt die schlichte Würde, die einer sportlichen Weltbestleistung gebührt.

Eine andere bezeichnende Szene: im erstmals bei einer Schützenweltmeisterschaft ausgetragenen Luftgewehrschießen über zehn Meter beendeten vier von achtzig Teilnehmern den Wettbewerb mit gleicher Ringzahl. Ein Stechen wurde notwendig, das aber immer noch keine Entscheidung brachte. Im zweiten Stechen ging dem Ungarn Lajos Papp, der auf diese Verlängerung nicht vorbereitet war, während des Schießens die Munition aus. In der kurzen Sollzeit, die ihm für seine Serie zur Verfügung stand, hätte er sich keine neue Munition mehr beschaffen können. Doch spontan stellte ihm der Schweizer Erwin Vogt seine Munition zur Verfügung, obwohl er damit einen Konkurrenten begünstigte, der seine eigenen Chancen und die seines ebenfalls im Finale stehenden Landsmannes Hollenstein gefährden konnte. Es siegte dann der junge Deutsche Gerd Kümmet vor dem Schweizer Veteranen Hollenstein, dem Ungarn Papp und dem Schweizer Vogt.