So wird Meinungsforschung zur Meinungsmache: Eine Untersuchung im Auftrag der Arbeitgeber stellt unhaltbare Behauptungen auf

Nichts gegen Meinungsforscher und Meinungsumfragen. Sie haben ihren guten Sinn, wenn sie wirklich die Meinung anderer zutage fördern und in der Kundgebung eigener Meinungen weise Zurückhaltung üben. Das nicht in gebührender Weise getan zu haben, muß der in der vergangenen Woche veröffentlichten Emnid-Untersuchung über die Bewährung bzw. Nichtbewährung der Montan-Mitbestimmung zum Vorwurf gemacht werden. Auftraggeber ist die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

An sich wird mit dieser Untersuchung eine Reihe recht interessanter, wenn auch nicht gerade sensationeller Fakten auf den Tisch gelegt, an denen die weitere Diskussion um das heikle Thema Mitbestimmung nicht vorbeigehen kann. Die Befürworter der Ausdehnung der Mitbestimmungsregelung in der Montanindustrie auf alle großen Kapitalgesellschaften müssen wohl oder übel die Tatsache zur Kenntnis nehmen, daß in den Kohle- und Stahlgesellschaften das Betriebsklima – als Indiz für den Grad der Integriertheit des Arbeitnehmers in Betrieb und Unternehmen und seine Zufriedenheit mit dem sozialen System unserer Wirtschaftsordnung – zwar keineswegs schlecht, aber eben doch schlechter ist, als in den nur dem Betriebsverfassungsgesetz unterliegenden Wirtschaftszweigen. Doch reicht dieses Faktum – auch zusammen mit den anderen Ergebnissen der Untersuchung – bei weitem nicht aus, um daraus den kühnen Schluß ziehen zu können, daß sich die Montan-Mitbestimmung „nicht bewährt“ habe.

Die kohle- und stahlschaffenden Unternehmen an Rhein und Ruhr waren schon immer stärkeren sozialen Spannungen ausgesetzt als die Investitionsgüter und Verbrauchsgüter produzierende Wirtschaft. Dazu kommt in der aktuellen Situation die Strukturkrise, die die Arbeitsplätze der Berg- und Stahlarbeiter bedroht und der allgemeinen Stimmung ganz erheblichen Abbruch tut. Betriebsklima-Vergleiche zwischen der nicht florierenden Montanindustrie und anderen bestens florierenden Wirtschaftszweigen sind gewiß nicht sinnlos, aber eben doch nur sehr bedingt aussagefähig – etwa in der Richtung, daß auch die paritätische Besetzung der Aufsichtsräte und das Vorhandensein eines Arbeitsdirektors aus dem Arbeitnehmer noch keinen glücklichen Menschen macht, wenn er sich begründete Sorge um die Sicherheit seines Arbeitsplatzes machen muß.

Das kann niemand verwundern, wie es auch keineswegs überrascht, daß in einem Katalog von sechs Wünschen, die den befragten 2000 Arbeitnehmern vorgelegt wurden, die Mitbestimmungsforderung erst an vierter Stelle erscheint, nämlich hinter den handfesten Wünschen nach stabilen Preisen, höheren Löhnen und längerem Jahresurlaub. Immerhin rangiert die Mitbestimmung noch vor der „Sorge um den Bergarbeiter“ und, man höre und staune, vor der 40-Stunden-Woche.

Und schon gar nicht umwerfend ist es, wenn die Meinungsforscher bei ihren Unterhaltungen bei der Mehrzahl auf ein fatales Unwissen gestoßen sind, was das Funktionieren der Mitbestimmung und ihr Ziel angeht. Hier bestätigt sich ein weiteres Mal, daß alles, was über das unmittelbare materielle Interesse hinausgeht, der großen Masse der Staats- und Wohlstandsbürger keine schlaflosen Nächte zu bereiten vermag. Ein schlagendes Argument gegen die Mitbestimmung ist das ebensowenig, wie das durch demoskopische Untersuchungen immer wieder ans Tageslicht gezerrte notorische Nichtwissen über unsere demokratischen Einrichtungen kein Einwand gegen unsere demokratische Staatsordnung ist.

Bleibt nach der aus den verschiedensten Gründen gebotenen kritischen Lektüre dieser Untersuchung als klares Ergebnis die wohl nicht zu bestreitende Tatsache, daß die Ausweitung der Montan-Mitbestimmung auf die Kapitalgesellschaften der gesamten Wirtschaft zur Zeit nicht zu den Dingen gehört, die der Masse der Arbeitnehmer auf den Nägeln brennt. Das Betriebsklima in den Betrieben, die der auf soziale und personale Fragen beschränkten Mitbestimmung des Betriebsverfassungsgesetzes (BVG) unterliegen, ist erstaunlich gut. 71 Prozent der Befragten im BVG-Bereich gaben ihm die Note sehr gut bis gut (Montanindustrie: 45 Prozent), 27 Prozent nannten es mittelmäßig (47 Prozent) und nur 2 Prozent (8 Prozent) halten es für schlecht. Ein solches Ergebnis wäre unmöglich, wenn der Mann an der Werkbank sich nur als hilfloses und rechtloses Objekt fremder Unternehmerentscheidungen fühlen würde. Die gewerkschaftliche Forderung, daß aus dem „Wirtschaftsuntertan“ der „Wirtschaftsbürger“ werden müsse, ist offenbar weitgehend erfüllt. Im Selbst Verständnis der meisten Arbeitnehmer ist er das bereits geworden.

Es wäre gut und, von der Seite der Auftraggeber der Untersuchung gesehen, auch klug gewesen, wenn die Meinungsforscher des Emnid-Instituts sich auf die nüchterne Darstellung dieses Befundes beschränkt hätten. Denn er reicht bereits vollends aus, um in den Kelch der gewerkschaftlichen Mitbestimmungsforderungen einen gehörigen Schuß kalten Wassers gießen zu können – was ja wohl auch der letzte Sinn des ganzen Unternehmens gewesen ist. Wolfgang Krüger