Zu der zum 12. August einberufenen ordentlichen Hauptversammlung der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-AG (Hamburg-Amerika Linie), Hamburg, haben Frau Helga Schorr-Reemtsma und die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz zu einigen Punkten der Tagesordnung Opposition angemeldet. Im wesentlichen geht es dabei um die vom Vorstand vorgeschlagenen Satzungsänderungen. In ihnen wird den Streu besitzaktionären zugemutet, entweder zugunsten des Großaktionärs, der Deutschen Bank, oder zugunsten des Vorstandes auf einen Teil ihrer im Aktiengesetz verankerten Rechte zu verzichten. Da viele andere Unternehmen von ihren Aktionären ähnliche Zugeständnisse verlangt haben oder noch verlangen werden, ist der Fall Hapag von Allgemeininteresse geworden.

Sehen wir uns zunächst einmal, meine verehrten Leser, die Opposition der Deutschen Schutzvereinigung an. Sie stellt den Antrag, den Paragraphen 20 der Hapag-Satzung ersatzlos zu streichen. In ihm heißt es: „Stellen Vorstand und Aufsichtsrat den Jahresabschluß fest, so können sie von dem Jahresüberschuß, der sich nach Abzug der in die gesetzliche Rücklage einzustellenden Beträge und eines etwaigen Verlustvortrages ergibt, einen größeren Teil als die Hälfte in freie Rücklagen einstellen, bis diese die Hälfte des Grundkapitals erreichen.“ Nach dem neuen Aktiengesetz ist die Verwaltung lediglich ermächtigt, ohne Befragung der Hauptversammlung höchstens die Hälfte des Jahresüberschusses den freien Rücklagen zuzuweisen. Doch kann die Hauptversammlung in der Satzung die Verwaltung zur Einstellung eines größeren Teils bevollmächtigen.

Nun könnte natürlich eine Verwaltung auf den Gedanken kommen, auf Grund solcher „Generalvollmacht“, wie sie jetzt der Hapag-Vorstand anstrebt, den gesamten Gewinn in die Rücklagen ohne Befragen der Hauptversammlung einzubringen. Vieles in der juristischen Literatur spricht dafür, daß eine solche Handhabung unzulässig wäre. Aber, um das endgültig zu klären, wird ein Musterprozeß zu führen sein, den bislang alle Unternehmen gescheut haben. Auch die Hapag wird vermutlich auf der Hauptversammlung einlenken und eine juristisch saubere Lösung wählen.

In diesem Zusammenhang ist interessant, daß die Deutsche Bank, in deren Besitz sich rund 63 Prozent des Hapag-Aktienkapitals befindet und die den Vorsitz im Aufsichtsrat innehat, ihren Kunden – soweit sie Hapag-Aktionäre sind – empfiehlt, nur dann für den Paragraphen 20 zu stimmen, wenn die in Paragraph 20 enthaltene Ermächtigung durch Angabe eines Prozentsatzes, bis zu dessen Höhe der Jahresüberschuß äußerstenfalls zur Bildung freier Rücklagen verwendet werden darf, begrenzt wird. Im weitesten Sinne macht die Deutsche Bank also gegen sich selbst Opposition, denn man darf wohl annehmen, daß der Großaktionär die Satzung vor Veröffentlichung ausdrücklich gebilligt hat.

Um so unverständlicher ist es allerdings, wenn die Deutsche Bank den Paragraphen 9 der Satzung in dieser Fassung durchgehen ließ: „Die Hauptversammlung kann nur im deutschen Reichsgebiet wohnhafte Reichsangehörige zu Mitgliedern des Aufsichtsrats wählen; mindestens die Hälfte von ihnen muß ihren Wohnsitz oder den Hauptsitz ihrer geschäftlichen Betätigung in der Hansestadt Hamburg haben.“ Ich glaube, zum Thema „Reich“ ist nicht viel zu sagen. Das Deutsche Reich gibt es seit 1945 nicht mehr, darüber wird vermutlich wohl schon der Registerrichter stolpern. Schlimmer scheint mir der Passus, daß die Hälfte der Aufsichtsratsmitglieder in Hamburg wohnen muß. Früher diente diese Einschränkung dazu, den „bösen Bremern“ zu verwehren, jemals Einfluß auf die Hapag zu erlangen. Die Bremer fügten beim Norddeutschen Lloyd die gleiche Kirchtumsklausel ein (und lassen sie jetzt endlich fallen). Heute kann die Hamburg-Klausel bestenfalls eine Überfremdung der Reederei durch Ausländer verhindern. Doch wenn man das will, so sollte man es in der Satzung klarer sagen. Die jetzige Kirchtumsklausel scheint mir in einer Zeit, da wir europäisch und weltweit zu denken lernen, wirklich sehr antiquiert.

Die Opposition von Frau Helga Schorr-Reemtsma wird verständlicher, wenn man ein wenig von den persönlichen Hintergründen kennt, die zu dem Widerspruch gegen die Satzungsänderungen geführt haben. Helga Reemtsma ist eine Tochter von Hermann Reemtsma, einer der Gründer des Hauses Reemtsma, dem größter, privaten Zigarettenhersteller des Kontinents. Sie heiratete Dr. K. E. Schorr, der früher nacheinander bei der Deutschen Bank und der Dresdner Bank tätig war. Die Familie Schorr-Reemtsma hat mit dem Hause Reemtsma keine irgendwie gearteten finanziellen Bindungen mehr.

Als Verwalter eines großen Vermögens hat Dr. Schorr in den letzten Jahren eine beachtliche Aktivität entfaltet. Er besitzt zur Zeit von: Hapag-Aktienkapital etwa 14 Prozent. Damit dürfte er nach der Deutschen Bank (63 Prozent) der zweitgrößte Aktionär sein. Von seinem Standpunkt ist es verständlich, wenn er ängstlich darauf bedacht ist, daß die Minderheitenrechte der Aktionäre voll gewahrt bleiben, weniger seiner Mitaktionäre wegen, sondern mit Rücksicht auf seine eigene Position, die er – wie in Börsenkreisen erzählt wird – gern auf eine Schachtelbeteiligung ausdehnen möchte.