Von Werner Richter

Kurt Breysig: Gedankenblätter. Verlag Walter de Gruyter, Berlin. 25,– DM

Der hundertste Geburtstag des Berliner Historikers Kurt Breysig ist am 5. Juli vorübergegangen, ohne daß in der Öffentlichkeit viel Notiz davon genommen worden wäre. Dabei ist Breysig einer der ersten, die sich schon vor dem Ersten Weltkrieg dem bis dahin allgemein anerkannten, nirgends bestrittenen Anspruch der diplomatisch-militärischen Geschichtsschreibung auf alleinige Lebensberechtigung widersetzten, einer der allerersten Bahnbrecher also jener Strömung, die unter dem (nicht ganz glücklichen) Namen "Sozialwissenschaft" heute die Hochschulen überschwemmt, und obwohl ja auch sie nur immer ein Forschungszweig sein kann, sich am liebsten zum Inhalt aller Forschung machen und alles übrige in sich einwalzen würde.

Breysig sah damals bereits, daß Geschichte künftighin nur noch Universalgeschichte in weitester Bedeutung des Wortes sein könne, daß sie also die erforschbaren Schicksale aller Völker umgreifen müsse mit allen ihren Betätigungen in Wissenschaft, Technik und Kunst, im sozialen und wirtschaftlichen Aufbau, in ihrem Verhältnis zur Welt des Imponderablen, der Religionen. Dabei ergab sich für ihn, daß die Völker aller Weltteile annähernd die gleichen Entwicklungsstraßen zu ziehen haben, in einer, alles in allem, aufwärts führenden Spirale, wenn auch höchst unterschiedlich im Tempo, so daß das Nebeneinander von Urzeitvölkern gleichzeitig mit solchen höchster Zivilisationen nicht zu befremden brauche. Er sprach gern von der "Bündelung der Völkergeschichten zu einem Nebeneinander von Gleichläufigkeiten, von Parallelismen". Als etwa Vierzigjähriger faßte er den kühnen Plan einer vielbändigen "Geschichte der Menschheit" und machte sich alsbald an die Ausführung. Sein Streben war "totalitär", lange noch ehe jemand daran dachte, diesem Wort den verruchten Nebensinn zu geben, den es heute hat.

Kein Wunder allerdings, daß Breysig das Mißfallen der bisher allein gültigen politisch-diplomatischen Geschichtsschreibung erregte. Deutsche Historiker sind von jeher ein streitsüchtiges Völkchen und können sich in ihren mancherlei Methodenkonflikten bis zur Weißglut erhitzen. Breysig hatte in jenen Jahren eigentlich nur den Leipziger Lamprecht zur Seite, der ebenfalls eine möglichst umfassende Universalität der Geschichtsschreibung erstrebte, wenn auch in ganz anderer Zielrichtung. In Berlin gehörte Breysig die wohlwollende Sympathie vieler Koryphäen der Universität, die damals, im letzten Abschnitt der wilhelminischen Zeit, eine Blüteperiode erlebte wie seither nie wieder. Doch die große Majorität seiner engeren Fakultätskollegen verstand es, seinen Lebensweg zu behindern – verhältnismäßig sehr spät wurde er Ordinarius –, während sie gegen sein Lebenswerk das alte zuverlässige Kampfmittel des Verschweigens anwendete.

Aus diesem Grunde ist es so wichtig, daß aus dem Chaos, das Beamte des Hitlerreichs im Haus Breysigs angerichtet hatten, ein Buch erschienen ist, von seiner Witwe unendlich mühsam zusammengestellt, das noch einmal in gedrängtester Extraktform seine Wesensart offenbart. "Er hatte", so berichtet die Herausgeberin, "die Gewohnheit, auf losen Blättern Erkenntnisse oder auch Fragen im Augenblick ihrer ersten Formgewinnung zu notieren, rein um sie dadurch im eigenen Bewußtsein wachzuhalten". Der kleine Band, der den großen Zeitraum von 1879 bis 1939 umfaßt, bringt einen solchen Reichtum von Andeutungen und Anregungen, daß es ganz unmöglich ist, ihm auch nur annähernd gerecht zu werden. Alles, was immer zwischen Himmel und Erde das Interesse Breysigs erregte, wird berührt, Fragen, die er sich selbst stellt, oft weit wegführend von dem, was gemeinhin Geschichte heißt, Antworten, die er versuchsweise sich selbst gibt, ehe er den Beistand der Fachgelehrten sucht und in die Gebiete der Chemie und Biochemie, der Physiologie und Elektronik gerät.

Es gab für ihn in der Geschichte keine Trennungen, keine Bewertungen in dem Sinne, als habe etwa die Geschichte Schwedens in ihrem ganzen Umfang ein höheres Recht auf Darstellung als die des nordamerikanischen Indianervolkes der Irokesen. Für ihn hatte die bisher für einzig wesentlich gehaltene diplomatische Geschichte einer Epoche nur das Gewicht eines Symptoms neben mancherlei anderen, ihrer Architektur etwa, ihrer Siedlungssitten, ihrer Verfassungen und Religionen. "Es ist so", heißt es in den "Gedankenblättern", "das sich rollende Rad des Geschehens kennt kein Wohin, so wie es kein Woher weiß."