Bezugsrechte auf junge Aktien – einstmals von den Aktionären mehr geschätzt als hohe Dividenden – sind zu einem Schreckgespenst für die Börse geworden. Ein Unternehmen, das heute eine Kapitalerhöhung vornimmt, mutet seinen Aktionären einiges zu. Denn sie haben nicht nur in der gegenwärtigen Zeit allgemeiner Kapitalknappheit "ihrem" Unternehmen neue Gelder zur Verfügung zu stellen, sondern müssen daneben noch einen Kurssturz ihrer alten Aktien hinnehmen, wie man ihn vor einigen Wochen noch für unmöglich gehalten hätte. Als Folge der Bezugsrechtnotierung erlebten beispielsweise die Conti-Gummi-Aktien einen Wertschwund von rund 50 Prozent. Und obwohl die Conti-Gummi-Bezugsrechte weit unter der rechnerischen Parität gehandelt werden, fanden sich kaum Käufer.

Conti-Gummi ist kein Einzelfall. Bei Dyckerhoff-Zement geschah Ähnliches. Auch BMW-Aktien mußten beträchtliche Verluste hinnehmen, als der Handel mit Bezugsrechten begann. Da befürchtet wird, daß bei Siemens und dem Volkswagenwerk im Zuge des Bezugsrechthandels die Aktienkurse ebenfalls unter Druck geraten werden, haben sich einige Aktionäre schon heute von ihren Papieren gelöst in der Erwartung, sie eines Tages zu "Ausverkaufspreisen" zurückerwerben zu können. Bislang sind derartige Spekulationen aufgegangen.

Kein Wunder, wenn in Kreisen der Aktiensparer und der Banken immer lauter der Wunsch geäußert wird, Siemens und VW möchten doch ihre Kapitalwünsche vorerst zurückstellen. Aber können sich die Aktionäre tatsächlich eine derartige Verschiebung wünschen? Die Unternehmen brauchen Geld zur Finanzierung ihrer Investitionswünsche, teilweise auch zur Konsolidierung ihrer kurzfristigen Schulden. Voher sollen sie sich die Mittel besorgen? Der Anleihemarkt ist geschlossen – und was heute Schuldscheindarlehen kosten, exerziert Bayer gerade vor. Wenn dieses Weltunternehmen, dessen Kreditwürdigkeit nicht in Zweifel zu ziehen ist, heute Schuldscheindarlehen mit einer Rendite von 9,7 Prozent anbietet, zu einem "mörderischen Zinssatz" also, dann wird doch klar, was auf dem Kapitalmarkt die Stunde geschlagen hat. Wie soll denn bei diesen Zinsen die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleiben?

Die Kursstürze bei den bezugsrechtträchtigen Aktien bleiben natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die Gesamtbörse, die ohnehin schon unter den ständigen Verkäufen deutscher Papiere aus US-Besitz ächzt. Die Banken fallen angesichts der von ihnen für notwendig gehaltenen Liquiditätsvorsorge als kurspflegerische Instanzen aus. Sie übernehmen nur dort junge Aktien, wo sie eigene Beteiligungen in bisheriger prozentualer Höhe halten wollen. Für sie war es schon bitter genug, große Teile der Schering-Wandelanleihe in die eigenen Portefeuilles nehmen zu müssen, weil sich dafür in der Kundschaft nicht Interessenten genug finden.

Die sechseinhalb Prozent AEG-Wandelalleine hatte zwar einen etwas besseren Markt, aber ihr Kurs von 97 5/8 Prozent (Ausgabekurs 100 Prozent) zeigt, daß Konsortialbanken mit einigen Posten "hängengeblieben" sind, die sie nun unter Verzicht auf den Konsortialnutzen abzustoßen versuchen. Ähnliches haben wir übrigens auch bei den VEW-Aktien erlebt, die zu 225 Prozent dem privaten Publikum angeboten wurden und heute auf etwa 200 Prozent zurückgefallen sind. Wie man angesichts solcher Vorkommnisse noch erfolgreich für das Aktiensparen werben kann, ist eine Frage, auf die selbst die Experten zur Zeit die Antwort schuldig bleiben. K. W.