Maßlosigkeit und Verschwendungssucht hat Bundeskanzler Erhard den deutschen Wohlstandsbürgern vorgeworfen. Insbesondere die Auslandsreisen erregen seinen Zorn. In München beklagte er das Loch, daß die Devisenausgaben deutscher Touristen in die Zahlungsbilanz reißen. Großzügig bezifferte er dieses Loch auf drei Milliarden Mark, obwohl die Bundesbank den Passivsaldo im Reiseverkehr für 1965 mit 1,2 Milliarden Mark ausgewiesen hat.

Zur gleichen Zeit liegen bei den Automobilclubs und Reisebüros kleine Broschüren über die Zeitbestimmungen für deutsche Auslandsreisende aus. Darin kann man lesen: "Es ist zu begrüßen, wenn möglichst viele Deutsche andere Völker und Länder kennenlernen. Glücklicherweise können immer mehr Mitbürger einen Besuch in fremden Ländern ermöglichen. Auslandsreisen fördern das gegenseitige Verstehen und damit den Frieden in der Welt."

Nun liegt die Vermutung nahe, daß hier einnahmefreudige Reisebüros und Organisationen um Kunden werben. Nichts dergleichen, diese Sätze tragen die Unterschrift von Rolf Dahlgrün, seines Zeichens Bundesminister der Finanzen im Kabinett desselben Kanzlers, der so massiv gegen Auslandstouristen zu Felde zieht. Wer es bisher noch nicht wahrhaben wollte, daß in Bonn die Rechte nicht weiß, was die Linke tut, hier hat er den Beweis schwarz auf Weiß vor sich. mh.