Da ARD und ZDF das Halbfinale zwischen Deutschland, dem halben, dem westlichen Deutschland (bei jedem Tor ermahnt die weiße Schrift West Germany die Bildschirm-Gemeinde: Vergeßt nicht, daß es noch ein East Germany gibt) und der Sowjetunion in schöner Vollständigkeit übertrugen und da auch der ARD-Sprecher offensichtlich nicht die Aufzeichnung, sondern das Spiel in actu analysierte, hatte der Betrachter die Chance, das gleiche Match einmal mit den Augen des Herrn Schneider zu sehen, ab 19.30 Uhr, und es ein zweites Mal, ab 21.40 Uhr (nun kritisch und entspannt, auf Details achtend, das Ergebnis stand ja fest), unter Deutschendorfschen Aspekten zur Kenntnis zu nehmen... und das war ein Erlebnis eigener Art.

Sprach Schneider im Stil der Frankfurter Allgemeinen, unterkühlt, eher betulich, auf Raffung und Verknappung bedacht, ein Kenner, der zu Eingeweihten spricht, so bediente sich Deutschendorf des Vokabulars volkstümlicher Springer-Gazetten, nach Bild und nach der Berliner Morgenpost klang es, wer sitzt jetzt nicht mit brennendem Herzen am Bildschirm, hier ist kein guter Gedanke zu wenig, Wilhelm der Zweite und Pater Leppich standen Pate, die Sprache war volkstümlich und poetisch zugleich, der Sport-Argot bekam seine höheren Weihen.

Verzichtete Schneider weitgehend auf Wertung, vermied Lob und Tadel, wo es nur ging, so hielt Deutschendorf mit entschiedenen Attributen keineswegs zurück, nicht Beckenbauer stürmte, sondern der elegante Franz war am Ball, ein Sportler, der das Wörtchen Angst nicht kennt. Sparte Schneider alle Hypothesen aus und fügte nichts von sich aus hinzu (einzige Ausnahme: Es stimmte nicht, daß Tilkowski von einem sowjetischen Stürmer mit Fäusten angegangen wurde, hier sah der ARD-Sprecher klarer), so bewahrte Deutschendorf auch im Fall der Vermutung die einmal gewählte Tonart, den stilus gravis oder grandiloquus (Schneider blieb dem genus medium treu). Und als Uwe sich auf den Rasen stützte, kurz nach einer Blessur, hieß es sogleich: Der Hamburger spuckt anscheinend Blut.

Hier Cato also, dort Bramarbas, hier noble Kühle, dort Schwulst und Bombast (der heiße Atem der ersten Dreiviertelstunde), hier Zurückhaltung, dort Preislied und Invektive (der Schiedsrichter war schon in Ägypten nicht deutsch-objektiv). Nun, ganz so simpel nimmt sich die Antithese nicht aus: Deutschendorf war es, der immer wieder auf die Verletzung eines sowjetischen Spielers hinwies, er und nicht Schneider sprach vom Sieg gegen neuneinhalb Mann... und solche Nüchternheit, solch skeptischer Sinn (über den vor allen anderen der ARD-Kommentator Oskar Klose verfügt) macht viele Fehler wieder gut.

Da außerdem Schneider am Ende, durch den Alt-Trainer nach Kräften unterstützt, den Siegeslorbeer allzu früh und allzu leichtsinnig verteilte, stand der Zweikampf zwischen ZDF und ARD schließlich doch noch Remis. Was den Sowjets nicht gelang: Deutschendorf ward es zuteil – er fing den enteilten Gegner auf der Ziellinie ab. Sprachlich absonderlich wirkend, ein Kanzelredner aus der Gründerzeit, zeigt er dort ein skeptisches Resümee, wo sein ihm im Stilistischen weit überlegener Kontrahent, ein Hemingway-Leser, der Hybris verfiel. Momos