"Daß wir unseren Weg weitergehen müssen, um der Menschlichkeit eine Gasse zu bahnen, steht für mich außer Zweifel", sagte Willy Brandt nach der ersten großen Passierscheinaktion am Jahreswechsel 1963/64. Nach dem Scheitern der Gespräche zwischen Senatsrat Korber und Staatssekretär Kohl am vorigen Freitag jedoch wurde aus der Gasse der Menschlichkeit eine Sackgasse. Vorerst bleibt die Mauer den Westberlinern wieder verschlossen.

Möglich wurden die Familienbesuche im Ostsektor der Stadt nur, weil der Berliner Senat seinerzeit, im Einvernehmen mit der Bundesregierung, in der Passierscheinvereinbarung einige Passagen geschluckt hatte, von denen Ulbricht und SED sich erhofften, sie würden ihnen das Tor zur Anerkennung der DDR öffnen. Auf den Anträgen stand deutlich "Hauptstadt der DDR" zu lesen, aber darüber war man in der Euphorie jenes Advents geneigt hinwegzusehen. Es störte auch nicht die Wiedersehensfreude, daß die Passierscheine in Westberlin von Beamten des Staatssicherheitsdienstes ausgegeben wurden, die sich, wie mittlerweile die SED selber zugegeben hat, als Postbeamte verkleidet hatten.

Für das Passierscheinabkommen im Herbst 1964 konnte Korber nach langen Verhandlungen schließlich durchsetzen, daß auf den Anträgen künftig hinter den Worten "Hauptstadt der DDR" auf die Salvatorische Klausel des Zusatzprotokolls verwiesen wurde: "Beide Seiten stellen fest, daß eine Einigung über die Orts-, Behörden- und Amtsbezeichnung nicht erzielt werden konnte."

Im Februar dieses Jahres, als über ein neues Abkommen (für Ostern und Pfingsten) verhandelt werden mußte, forderte Staatssekretär Kohl erstmals den Wegfall der Salvatorischen Klausel, mit dem nicht unberechtigten Argument, daß Bundesdienststellen im Umgang mit DDR-Behörden weniger zimperlich gewesen seien als der Senat (auf Geheiß Bonns). Erst im letzten Moment lenkte die SED ein, wohl um den geplanten Redneraustausch mit der SED nicht zu gefährden.

Nach der Absage des Redner-Projektes wurde Ostberlin auch in der Passierscheinfrage bockig. Staatssekretär Kohl lehnte es ab, eine Übereinkunft über die Härtestelle zu unterzeichnen, da er sich eine westliche Erklärung über das Fortbestehen der (nicht mehr ausdrücklich erwähnten) Nichtanerkennungskiausel nicht widerspruchslos anhören wollte. Als er den Verzicht auf die Erklärung forderte, antwortete Korber: "Darauf können Sie warten, bis sie alt werden."