Beinahe jeden Tag erreichen die Aktienkurse in der Bundesrepublik einen neuen Tiefstand. Und beinahe jeden Tag gibt es neue Gerüchte über Liquiditätsschwierigkeiten bei großen Firmen. Zu Beginn dieser Woche wurde bekannt, daß Bayer – Deutschlands größter und gewinnträchtigster Chemiekonzern – 50 Millionen Mark zu dem extrem hohen Zinssatz von 9,7 Prozent leihen mußte. Kein Zweifel: die deutsche Industrie, bereits mit über 5 Milliarden Mark kurzfristig im Ausland verschuldet, hat ernste Finanzierungssorgen.

Liquiditätsschwierigkeiten bleiben natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die Geschäftspolitik der Unternehmen und die allgemeine Wirtschaftsentwicklung. Man spricht von Produktionseinschränkungen und Entlassungen, die Aktionäre müssen um ihre Dividenden und der Staat um seine Steuereinnahmen bangen. Am meisten beunruhigt aber ist die Regierungspartei, die sich ausrechnen kann, daß bei wachsender wirtschaftlicher Unsicherheit ihr auch die nächsten Wahlen nur Niederlagen bescheren können.

Die Wahlstrategen der CDU, angeführt vom Fraktionsvorsitzenden Rainer Barzel, fordern denn auch eine schnelle Wiederankurbelung der Konjunktur – um beinahe jeden Preis. Die Hungerkur, die Karl Blessing der deutschen Wirtschaft zur Überwindung ihres inflationären Fieberanfalls verordnet hat, paßt ihnen nicht ins politische Konzept. Etwa nach dem Motto "Wachstum ist wichtiger als Stabilität" fordern sie eine Beendigung der Restriktionspolitik der Bundesbank. Die Regierungspartei, statt sich zu einer klaren und entschlossenen Wirtschaftspolitik aufzuraffen, droht so in zwei Lager zu zerfallen – denn Kurt Schmücker unterstützt Blessing auch weiterhin. (Allerdings ist der Einfluß des Wirtschaftsministers in der Fraktion geringer geworden, seit er bei den Wahlen zum CDU-Vorstand unterlegen ist.)

Nun können Barzel und seine Anhänger ohne Zweifel darauf verweisen, daß Blessings Restriktionspolitik Schaden stiftet. Wenn ein so kerngesundes Unternehmen wie Bayer gezwungen wird, sich Kapital zu fast 10 Prozent Jahreszinsen zu verschaffen, so wird damit nur eines erreicht: die Wettbewerbsfähigkeit der chemischen Industrie gegenüber ihren ausländischen Konkurrenten wird geschmälert. Oder um ein anderes Beispiel zu nennen: Wenn das Haus Siemens wegen des Kapitalmangels gezwungen ist, sein Investitionsprogramm zu halbieren, dann wird damit die Expansion in einem der zukunftträchtigsten Industriezweige in bedenklichem Maße gebremst.

Die Kritiker der Bundesbank vergessen nur eines: Bund, Länder und Gemeinden haben in den letzten drei Jahren für rund 20 Milliarden Mark Kredite aufgenommen, ihre Verschuldung hat sich seit 1963 damit um etwa 75 Prozent erhöht. Das hat den Kapitalmarkt ruiniert. Und weiter: Die von der CDU getragene Regierung hat zugelassen, daß die deutsche Wirtschaft in einen bedrohlichen Preisauftrieb hineingetaumelt ist – nicht zuletzt dadurch, daß kostbare Arbeitskräfte durch Subventionen in leistungsschwachen Branchen festgehalten wurden (etwa in der Landwirtschaft, wo gut 10 Prozent Beschäftigte nur 4,5 Prozent des Sozialprodukts erarbeiten). Karl Blessing muß beinahe allein gegen diese gefährlichen Tendenzen ankämpfen – wer kann ihn dafür schelten, daß ihm angesichts seiner unzulänglichen Mittel nichts anderes übrigbleibt, als auch Unschuldige zu züchtigen.

Wachstum ist wichtig – wenn die Bundesrepublik ihren Rang als drittgrößte Industriemacht der Welt behaupten will, kann sie es sich nicht leisten, hinter dem durchschnittlichen Expansionstempo der westlichen Industriestaaten zurückzubleiben (wie seit 1965). Nur: eine durch fortdauernde Kosteninflation zerrüttete Wirtschaft kann nicht mehr expandieren. Ein monatelanger Prinzipienstreit in der Regierungspartei wäre verhängnisvoll. Heute kann es nur eine vernünftige Lösung geben: durch rasche Stabilisierung die Voraussetzung für einen neuen Aufschwung zu schaffen.

Diether Stolze