Von Karl Heinz Wocker

London, im August

Wenn er nachts um drei angerufen und gefragt würde, ob er bereit sei, sofort Generalsekretär der UN zu werden, so wäre er mit Sicherheit bereit. Es könnte allerdings sein, daß er in blindem Eifer vergäße, zuzusagen. Ein Journalist, der ihn dann bei seiner Ankunft in New York harmlos danach ausforschen würde, könnte eine explosive Szene erleben. Von da an würde er dem Gemaßregelten mit der Freundlichkeit des schlechten Gewissens begegnen und ihm vielleicht als Wiedergutmachung ein kleines Geheimnis zustecken. Dies wiederum würde er dem Unterhaus – oder einem anderen erlauchten Gremium – mit hochrotem Kopf freimütig eingestehen. Wegen der Reaktion, die sich darob erhöbe, könnte er dann gut drei Wochen lang alle Anzeichen der tiefsten Verletztheit zeigen. Das ist George Brown, 52 Jahre alt, von der rechten Seite der britischen Linken, seit Jahren der zweite Mann der Partei mit allen Aussichten auf eine lange Zukunft in diesem Amt.

Wenn man Engländer beliebiger politischer Schattierung um die gleiche Morgenstunde aufweckte und wissen wollte, welchem Mann an der Labour-Spitze sie persönlich am meisten trauen, es würde eine klare Mehrheit für Brown geben. Der unberechenbare Stellvertreter Wilsons ist gleichzeitig der zuverlässigste Charakter im Kabinett. Seinem Namensheiligen macht er alle Ehre, Furchtlosigkeit ist ein auffallender Zug seines Lebens. Vor allem in jungen Jahren war er beständig auf Suche nach dem Drachen der Macht, den es zu besiegen galt. Mit dreiundzwanzig forderte er den Ausschluß von Sir Stafford Crips aus der Labour Party. Verbeugungen vor den Großen sind ihm immer fremd gewesen. Beim Besuch Chruschtschows in England im Frühjahr 1956 hielt Brown es für richtig, die historischen Tiraden des Gastes über die westliche "Kollaboration" mit Hitler durch einen Hinweis auf den Stalin-Ribbentrop-Pakt zu unterbrechen und Chruschtschows Zorn mit einem tiefempfundenen und deutlich zu hörenden "May god forgive you!" zu beantworten. Der Kreml-Chef war auch empört darüber, daß sein Sohn Sergej von dem neben ihm sitzenden Brown ständig "aufgehetzt" wurde. Dabei gab es den folgenden Wortwechsel, der von einer – in Vergessenheit geratenen – Streitfrage ausging. Brown: "Sind Sie darin auch der Meinung Ihres Vaters?" Chruschtschow jr.: "Ich streite nie mit meinem Vater." Brown: "Komisch. Meine Töchter streiten immer mit mir."

Brown ist sicher, daß der Himmel dem Chruschtschow sen. nicht alles vergeben hat. Im Oktober 1964, am gleichen Tage, da das englische Volk Labour an die Macht wählte, wurde Chruschtschow gestürzt. Die Fernsehzuschauer freilich bekamen zunächst einen gar nicht begeisterten George Brown zu sehen. Am nächsten Morgen, als die konservativen Hochburgen ausgezählt wurden und der Labourvorsprung zusammenschmolz, lieferten sich der BBC-Starinterviewer Robin Day und der präsumptive Wirtschaftsminister ein Gefecht, wie es kein Regisseur besser hätte inszenieren können. Brown, der sich von den Drachen Technik, öffentliche Meinung und Wahlniederlage gleichzeitig umstellt sah, schlug nach allen Seiten um sich. Day behielt die Nerven und entwaffnete sein Opfer schließlich mit der Frage: "May I call you brother?" Diese Anspielung auf Browns Gewohnheit aus alten Gewerkschaftstagen verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Eulenaugen funkelten, noch halb ärgerlich pustete Brown die Pausbacken auf und sagte, Day möge ihn nennen, wie immer er wolle. Dann begann er zu grinsen.

Browns Verhältnis zum Fernsehen ist von eigener Art. Als Kennedy starb, war gerade kein anderer Labourführer zur Hand, der rasch ins Studio eilen und ein paar Worte der Betroffenheit sagen konnte. Aber Bruder George hatte einen fröhlichen Abend hinter sich, leider auch einen feuchten. Was er den verdutzten Zuschauern vorsetzte, war seine ehrliche Oberzeugung. Er verabscheute diesen Mord, er hatte den Präsidenten bewundert. Aber seine Zunge war ein paar Gramm zu schwer für den Anlaß.

In der vergangenen Woche passierte es ihm sogar, daß er einen Fernsehauftritt überhaupt vergaß. Er sollte der Nation die Sondervollmachten erklären, die ihm das neue Gesetz über den Lohn- undPreisstopp gibt. Während konservative Abgeordnete den ganzen Abend hindurch in Parteiversammlungen den Wirtschaftsminister als "Diktator" und "Gauleiter" bezeichneten, fiel Brown der Termin im Studio erst wieder ein, als das Abendprogramm fast schon zu Ende war. Er ließ alles stehen und liegen, und es langte gerade noch zu einem Kurzinterview vor Sendeschluß. Harold Wilson, sofern er je etwas vergißt, würde zwei Arten von Terminen nie vergessen: Audienzen bei der Queen und Fernsehauftritte. George Brown würde auch die Queen vergessen.