Bei richtiger Auswahl der Bezirke läßt sich aus dem Wahlverhalten weniger Tausend mit großer Sicherheit auf die Stimmabgabe von Millionen schließen. Diese Erfahrung bestätigte sich wieder am 10. Juli bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Kurz nach 19 Uhr, eine Stunde nach Schluß der Wahl, konnte das Erste Fernsehen ein Ergebnis voraussagen, das dem Endresultat bis auf ein halbes Prozent nahekam. Seit der Landtagswahl 1962 hat die SPD von 43,3 auf 49,5, die FDP von 6,9 auf 7,4 Prozent zugenommen, die CDU von 46,4 auf 42,8 Prozent abgenommen. Um 22.30 Uhr verkündete der Landeswahlleiter die neue Sitzverteilung im Landtag: Die SPD war von 90 auf 99, die FDP von 14 auf 15 gestiegen, die CDU von 96 auf 86 Sitze geschrumpft.

Das klassische Modell des Wählens, die Vorstellung von der floating Vote, von den "Wechselwählern" zwischen den beiden großen Parteien schien bestätigt und in der Wahlkreisverteilung glänzend bewiesen: Die SPD hatte statt 74 nunmehr 99, die CDU statt bisher 76 nun 51 Wahlkreise direkt gewonnen. Doch die Wählermillionen haben sich in Nordrhein-Westfalen nicht einfach von der CDU zur SPD hin bewegt: Ihr Verhalten war ein weit komplizierterer Prozeß einander paralleler, entgegenlaufender, sich kreuzender Trends.

Ein Unsicherheitsfaktor wohnt freilich jeder Wahlschlachtbeschreibung inne. Keineswegs alle der wahlberechtigten 11 156 Millionen Bürger von 1962 konnten auch diesmal wieder wählen. Rund 650 000 von ihnen waren durch den Tod, weitere 690 000 durch den Wegzug aus Nordrhein-Westfalen aus den Wählerlisten ausgeschieden. Dafür waren rund 600 000 Zuwanderer, meist aus den anderen Bundesländern, und dazu rund 850 000 erstmals Wahlberechtigte in die Listen eingetragen worden. Doch lassen Schätzungen, Vermutungen und Umfragen darauf schließen, daß diese Veränderungen auf die Parteien nicht sehr unterschiedlich gewirkt haben.

Bedeutsamer für die Gewichtsverlagerung zwischen den Parteien war anderes. Der Wahleifer stieg erheblich, nämlich um 3,2 auf 76,6 Prozent. Dazu aber kam noch ein anderes Moment: Vor vier Jahren hatten noch 280 000 Wähler ihre Stimmen zersplittert. Diesmal verschwanden die 34 500 der GDP und die 164 000 der DFU ganz; von den 75 000 Zentrumswählern blieben nur 16 700 übrig, zahlenmäßig eine kleine Sekte. Im ganzen gab es diesmal nur 29 000 (0,3 Prozent) Splitterwähler. Zum ersten Male waren 99,7 Prozent der gültigen Stimmen auf drei Parteien konzentriert.

Der CDU hatten 1962: 3,752 Millionen zugestimmt; am 10. Juli 1966 waren es noch 3,653 Millionen: ein nicht eben bedeutender Rückgang um 99 000. Hierbei handelt es sich um eine Nettoziffer, um eine Differenz zwischen Wählergewinnen und -Verlusten. In rund fünfzig der einhundertfünfzig Wahlkreise hat die CDU absolut, wenn auch häufig geringfügig, zugenommen; in dreizehn von ihnen gab es sogar eine kleine, bis 2,1 Punkte gehende relative Zunahme Der Zuwachs war deutlich in Wahlkreisen mit starker Zuwanderung und gestiegenem Wahleifer und dort, wo sich die Wähler des Zentrums der CDU zuwandten.

Vor vier Jahren hatte das Zentrum noch über achtzig Bewerber aufstellen können, jetzt waren es nur noch knapp zwanzig; aber auch dort, wo Zentrumskandidaten auftraten, verlor die Partei Stimmen. So gingen in den beiden Siegkreisen, in Grevenbroich, Kempen II, Borken-Bocholdt, Ahaus, Steinfurt, Tecklenburg, Warendorf, Münster-Stadt und -Land, Coesfeld, Hamm, Soest, Iserlohn, Brilon, Büren Höxter und Paderborn zwischen fünfzehnhundert und viertausend Wähler zur CDU über. Auch viele ehemalige GDP-Wähler sind wohl den gleichen Weg gegangen. Insgesamt wird man den CDU-Zuwachs durch die Verluste von Zentrum und GDP auf rund 90 000 ansetzen können. Die höhere Wahlbeteiligung gegenüber 1962 brachte der CDU weitere 200 000 Wähler. Tatsächlich aber hat die CDU gegenüber 1962 absolut gerechnet 100 000 Wähler verloren. Fazit: Rund 400 000 Wähler (200 000 + 100 000 – 90 000) müssen abgewandert sein.

Offensichtlich ging ein Teil von ihnen diesmal wieder zur FDP über, die einen Nettogewinn von rund 80 000 Stimmen hatte. Es wiederholte sich hier im kleinen Maßstab die Wählerbewegung der Bundestagswahl von 1961. Von Adenauer enttäuscht, hatten damals in Nordrhein-Westfalen eine halbe Million CDU-Wähler ihre Partei verlassen: die FDP nahm um eine halbe Million zu. Diesmal wird die Enttäuschung über Erhard wieder einen Teil der CDU-Wähler zur FDP getrieben haben. Sie hat im ganzen Lande, bis auf wenige Ausnahmen, zugenommen. Aber ein weit größerer Teil ehemaliger CDU-Wähler hat diesmal die SPD gewählt. Der Wahlsieger des 10. Juli – die SPD – hat die Wählerzahl gegenüber 1962 um 729 000 erhöhen können. Das war ein außerordentlicher Zuwachs. Er überstieg die Gesamtzunahme der Wählerschaft von 1962 auf 1966 (459 000) um 270 000. Aber die erhöhte Wahlbeteiligung und der Zuwachs an Wahlberechtigten wird keineswegs der SPD allein zugute gekommen sein. Auch die CDU, und in geringerem Grade die FDP, werden hierdurch gewonnen haben. Der stärkste Zuwachs muß wohl darauf zurückgeführt werden, daß frühere CDU-Wähler zur SPD übergewechselt sind.