Von Otto W. Hertz

Der moderne Mensch ist zu einem Zuschauer der Weltereignisse geworden, die er auf seinem Fernsehschirm beobachtet, ohne persönlich betroffen zu sein. Er läßt die gewaltigen Ereignisse vor seinen Augen vorübergleiten, während er in einem gemütlichen Sessel sitzt und sein Bierchen trinkt".

Das sagt Billy Graham, als "Maschinengewehr Gottes" apostrophierter US-Evangelist. Da er Gedanken selten ohne Pointe läßt, fügt er hinzu: "Er (der televisionierende Biertrinker) begreift nicht, daß seine Welt in Flammen steht, und daß er auf dem besten Wege ist, mit verbrannt zu werden".

Eine wirklich pointenreiche Vision – das via Telstar von der anderen Erdkugelhälfte herübergefunkte Bild einer vietnamesischen Napalm-Feuersäule als optischer Feierabend-Genuß, hineingespiegelt in den Lehnsesselbereich niedersächsischer Bauernhäuser, hanseatischer Villen oder Münchner Neubaublocks. Und angeblich keiner der zahllosen Mattscheiben-Gucker ist bereit, diese frei Haus gelieferten Zeichen der Zeit als solche anzuerkennen. Nein, man nimmt’s hartnäckig als Unterhaltung.

Wirklich?

"ja!", so kann man von anderer Seite hören, "denn die bisherige Übertragung einer Napalm-Feuersäule war doch noch zu dürftig. Die wichtigste Information in Sachen feuriger Zeichen der Zeit fehlte ja noch: die Farbe!" So wie das beste Auto ohne Benzin keine Verkehrserfahrung vermitteln könne, so sei das menschliche Hirn bei Registrierung von Information auf hundertprozentige Wirklichkeitsdeckung angewiesen. Erst dann löse sie den positiven Informations-Schock aus. Kurzum, uns fehle noch das Farbfernsehen.

Also gut. Schon die große Berliner Funkausstellung im Herbst 1967 gilt als offizieller Starttermin für das Farbfernsehen in Deutschland. Die Fernsehanstalten produzieren bereits Buntsendungen auf Vorrat, und die Industrie hat die Herstellung von Farbfernsehern (pro Stück bis zu 2500 Mark) auf Band gelegt. Es ist soweit. Damit. aber ist es auch an der Zeit, ein modernes Märchen zu erzählen: die Story, wie die europäischen TV-Bilder bunt wurden.