Die implizierte Hauptthese dieser Abhandlung lautet: Die Bundesrepublik ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen, und es besteht auch keine Chance, sie durch einen revolutionären Umschwung in eine sozialistische Gesellschaft umzuwandeln.

Revolution findet nicht statt

Zu diesem Schluß kommen die Ideologen, nachdem sie festgestellt haben, daß in Westdeutschland die Phase des "Monopolkapitalismus" zu Ende geht und vom staatsmonopolistischen Kapitalismus abgelöst wird. In dieser neuen, "höheren Ordnung" wird, so heißt es, der "spontane Charakter des Wirkens der ökonomischen Gesetze" weitgehend aufgehoben. Der Staatsmonopolismus plant und reguliert das gesamte wirtschaftliche Leben so wie der Sozialismus auch. Zwischen der "sozialistischen Planung und Regulierung der gesellschaftlichen Prozesse und der bewußten Ausnutzung ökonomischer Gesetze in der kapitalistischen Wirtschaft" besteht nur noch ein prinzipieller Unterschied: Der Sozialismus plant für "das Wohl der Gesellschaft" und der Kapitalismus für die "Klassenziele der Monopole".

Wo keine Spontaneität ist, da gibt es nach der marxistischen Theorie auch keine revolutionäre Entwicklung. Die Weltrevolution findet also in der Bundesrepublik nicht mehr statt. Das ist nach Ansicht der Ostberliner Ideologen auch gar nicht mehr nötig, denn die Kapitalisten schaffen selbst den sozialistischen "Unterbau": "Für den staatsmonopolistischen Kapitalismus ist kennzeichnend, daß sich in ihm die materielle Vorbereitung des Sozialismus unaufhaltsam entwickelt."

Die Bundesrepublik geht also einen zwar langen, aber "friedlichen oder vorwiegend friedlichen Weg" zum Sozialismus: über die allmähliche "Entmachtung der Monopole" durch eine Ausweitung der Mitbestimmung und eine politische "Demokratisierung" im Rahmen des parlamentarischen Systems, in dem die Vertreter "der Arbeiterschaft und des fortschrittlichen Bürgertums" an Einfluß gewinnen sollen.

Auf diesem Wege nun will die SED die Bundesrepublik nicht allein lassen. Denn sie begreift ihre sozialistische Mission als, wie sie sagt: nationale Aufgabe. Das Jahr 1871 ist nicht aus der parteilichen Geschichtsschreibung gestrichen. Die DDR ist – so Ulbricht – der "staatlich organisierte Kern der deutschen Nation", um den sich "die große Mehrheit auch der westdeutschen Bevölkerung gruppieren" soll.

Die politische Konsequenz dieser theoretischen Strategie heißt in westdeutsche Terminologie übersetzt: Wandel durch Einwirkung. Nicht mehr die Liquidierung der Bundesrepublik wird vorbereitet, sondern ihre allmähliche "Demokratisierung" und Sozialisierung wird erstrebt. Die SED will auf jene Kräfte in der Bundesrepublik einwirken, die diese "fortschrittliche Politik" tragen sollen: vor allem Gewerkschaften und Sozialdemokraten. In Ulbrichts Worten: "Ein Verständigungsfrieden zwischen SED und SPD in Westdeutschland und den Gewerkschaften in beiden deutschen Staaten ... ist der Schlüssel zur Lösung der nationalen Frage."