Im Frühjahr nun versuchte der SED-Chef das theoretische Konzept in die politische Tat umzusetzen. Aber er mußte diesen Versuch schon nach wenigen Monaten wieder abbrechen. Das zeigt vor allem eins: Die Auseinandersetzung um die neue Strategie des Klassenkampfes ist in den Führungsgremien der Partei noch keineswegs abgeschlossen. Sie wird mit einer Heftigkeit und Offenheit geführt, für die es in der DDR kein Beispiel gibt.

Diese Schlacht, die die Ideologen offen austragen, wird von den Politikern hinter verschlossenen Türen geschlagen. Und die "Dogmatiker" haben zumindest einen taktischen Rückzug von den Positionen des Frühjahrs durchgesetzt. Ihnen half dabei, daß sich Ulbricht in seinem ersten Anlauf offenbar übernommen hat.

Stumpfe Waffen

Die SED mußte spüren, daß sie nicht auf die Bundesrepublik "einwirken" kann, ohne selbst der Einwirkung aus dem anderen Teil Deutschlands ausgesetzt zu sein. Bei dem Versuch, zum "Verständigungsfrieden" mit den Sozialdemokraten zu kommen, trug sie sich den seit zwanzig Jahren erbittert bekämpften "Sozialdemokratismus" wieder ins Haus. Zudem widersprach die Entspannungsoffensive den Bemühungen um eine Isolierung der Bundesrepublik von den osteuropäischen Staaten, denn sie drohte, Bonn in kommunistischen Kreisen hoffähig zu machen. In der Absicht, das Schreckensbild eines revanchistischen Westdeutschlands aufrechtzuerhalten und dadurch den Warschauer Pakt zusammenzuschweißen, deckten sich dann schließlich Ostberliner und Moskauer Interessen.

Die taktische Schwenkung zurück zum Kalten Krieg war radikal. Sie mußte es sein, damit die eingeleitete Entwicklung so plötzlich gestoppt werden konnte. Das strategische Konzept, zu dessen engagiertesten Verteidigern der Staatschef Ulbricht zählt, liegt jedoch noch auf dem Tisch. Und die kommunistische Taktik wird sich wieder ändern, wenn die SED-Führung Erfolglosigkeit und Gefahren des gegenwärtigen Kurses feststellen muß. Schon jetzt mußte sie sich in dem Bukarester Konferenzzimmer Kritik der sozialistischen Bruderstaaten und über westdeutsche Fernsehschirme harte Vorwürfe führender Kommunisten aus Österreich und Italien gefallen lassen.

Bonn könnte sicherlich dazu beitragen, Ostberlin wieder in die Offensive zu drängen. Etwa, indem der SED deutlich gemacht wird, wie erfolglos ihr Versuch ist, die Bundesrepublik zu verteufeln, nämlich durch eine weitere Verbesserung der Beziehungen zu den osteuropäischen Staaten.

Bequem freilich ist eine offensive Deutschlandpolitik für beide Seiten nicht. Die Spielregeln des Kalten Krieges sind einfacher als die der Entspannungs-Politik. Und ohne eine gewisse Entkrampfung in Deutschland wird keine Seite ihre Konzeption des Einwirkens verwirklichen. können.