Von Tannéguy de Quenetain

TANNÉGUY DE QUÉNÉTAIN: Wie ist der Autor der „Sonnenfinsternis“ zum Autor des „Göttlichen Funken“ geworden? Haben Sie sich von politischen Problemen endgültig ab- und wissenschaftlichen Fragen zugewandt? Wie ist eine solche Wendung zu erklären?

ARTHUR KOESTLER: Im Leben eines jeden Menschen gibt es bestimmte Perioden – für mich ist die Periode meiner politischen Probleme vor mehr als zehn Jahren zu Ende gegangen. Diese Periode umfaßt zwei Phasen: die des militanten Kommunisten, von 1931 bis 1938, und die des antikommunistischen Schriftstellers, vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1954. Von da an war ich der Meinung, daß ich über meine politische Vergangenheit nichts mehr zu berichten hätte. Ich habe deshalb bewußt damit abgeschlossen und mich tatsächlich meiner alten Leidenschaft, der Wissenschaft, wieder zugewandt.

Von meiner Ausbildung her bin ich Wissenschaftler. Ich habe in Wien Naturwissenschaften an der Technischen Hochschule und Psychologie an der Universität studiert. Selbst als ich politisch aktiv war, haben mich wissenschaftliche und psychologische Fragen stark beschäftigt. Eine der Schlüsselideen meines Buches „Der göttliche Funke“, das Phänomen der Bisoziation, keimte in mir, seit ich mit einem ungarischen Psychoanalytiker eine Diskussion über den Humor führte. Das war vor dreißig Jahren. 1949 veröffentlichte ich „Insight and Outlook“, eine erste Skizze meiner Studien über den schöpferischen Prozeß.

Von 1954 an habe ich mich eingehend mit dem Thema beschäftigt und deshalb zuerst „Die Nachtwandler“, eine Studie über Kopernikus, Kepler, Galilei und Newton, veröffentlicht. Danach dann „Der göttliche Funke“.

Q.: In Ihrem neuen Werk gibt es ein Schlüsselwort, das Sie gerade genannthaben: „Bisoziation“. Wie sind Sie zu dieser Wortprägung gekommen, die nach Ihrer Ansicht den schöpferischen Prozeß bezeichnet?

K.: In den ersten Kapiteln meines Buchs habe ich den Prozeß des Schöpferischen am Phänomen des Komischen, des Witzes untersucht, denn dies ist das einzige Gebiet, auf dem ein komplexer Reiz im Bereich physiologischer Reflexe eine unmittelbare und verblüffende Antwort auslöst. Um das Wort Bisoziation also verständlich zu machen, nehme ich das einfache Beispiel einer amüsanten Anekdote, die einer Geschichte von Chamfort entnommen ist. Er erzählt von einem Marquis am Hof Ludwigs XVI., der, als er unerwartet nach Hause kommt, seine Frau in den Armen eines Bischofs findet. Der Marquis geht gelassen zum Fenster, öffnet es und beginnt die Menschen auf der Straße zu segnen. „Was machen Sie?“ ruft die Frau ängstlich. „Monsignore erfüllt meine Pflichten, so übernehme ich die seinen.“