Westeuropa wird stets ärmer an Rohstoffen, die in zunehmendem Maße aus Übersee zuzuführen sind, so daß die Seehäfen in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts die neuen Fundstätten für die Rohstoffe geworden sind und so den Standort der Industrien bestimmen." Das sagte der Antwerpener Hafenschöffe Delwaide in diesem Jahre in einer Pressekonferenz, und das sagten sich die Belgier schon vor Jahren, als sie 1957 darangingen, mit einem großzügig angelegten Zehn-Jahres-Plan der Stadt an der Scheide einen guten Platz in der Rangliste der Welthäfen zu sichern.

640 Millionen Mark hat dieses Großprojekt gekostet; 400 Millionen steuert die Brüsseler Regierung und 240 Millionen die Stadt Antwerpen selbst bei. Mit diesem Geld wird die Hafenkapazität verdoppelt, der Zugang für moderne Großschiffe möglich gemacht – die neue Schleuse bei Zandvliet unmittelbar an der belgisch-holländischen Grenze ist die größte Seeschleuse der Welt – und last but not least auch das Hafengebiet um 100 Prozent erweitert, weil man Platz für neue Industrien braucht. Inzwischen ist dieses Ziel in greifbare Nähe gerückt. Im nächsten Jahr ist es soweit: Der neue Hafen Antwerpen wird 1967 eingeweiht werden.

Noch sieht es dort eher nach der größten Baustelle Europas aus. Das ganze Gebiet an der Scheldemündung gleicht einer Mondlandschaft, ein Chaos aus Wasser, Sand, Steinen, Stahl und Beton – das ist der erste Eindruck. Allein 40 Millionen Kubikmeter Erde sind für den Ausbau des Hafens zu bewegen. Aber die Weichen für die einzigartige Industrialisierung dieses Raumes sind unverkennbar gestellt. An den künftigen Kaimauern des neuen Hafenbeckens entstehen bereits Industriebetriebe, die das Herz der Antwerpener Initiatoren höher schlagen lassen. Das läßt sich nicht mehr mit den Vorläufern dieser Entwicklung – dem Bau amerikanischer Automontagewerke in den zwanziger Jahren – vergleichen.

Das neue Industriegelände von rund 1500 Hektar, das im Hafengebiet von Antwerpen erschlossen wird, ist inzwischen weitgehend an den Mann gebracht worden. Der erste deutsche Interessent für den Standort Antwerpen war zugleich der Schrittmacher für die anderen. Der größte Chemiekonzern der Bundesrepublik, die Farbenfabriken Bayer AG, hat sich frühzeitig entschlossen, hier das fünfte Bayer-Werk zu bauen, das einmal gleichrangig neben den vier Werken im Bundesgebiet stehen soll. "Daß Bayer Leverkusen nach einer gründlichen Überprüfung aller europäischen Häfen und nach einem sorgfältigen Abwägen aller Argumente für und wider, als erste Antwerpen wählte – so weiß der Hafenschöffe der Scheidestadt dankbar zu rühmen –, hat international die Aufmerksamkeit auf den Zehn-Jahres-Plan gelenkt und dadurch die Anregung zu der unvergleichlichen industriellen Expansion gegeben, die wir jetzt erleben."

Das Antwerpener Bayer-Werk, für das in der ersten Ausbaustufe eine Investitionssumme von 240 Millionen Mark vorgesehen ist, soll im Laufe der Zeit zu einer universellen Produktionsstätte ausgebaut werden. Zunächst wird dort von Mitte nächsten Jahres an der Rohstoff Caprolactam erzeugt werden. Noch ein weiterer deutscher Chemiekonzern hat auf den Küstenstandort Antwerpen gesetzt: Die Ludwigshafener Badische Anilin- und Sodafabrik gehört mit einer ebenfalls in Bau befindlichen Caprolactamfabrik und einer Anlage für die Erzeugung von Kunstdünger zu den neuen Anliegern des Hafens, die im Zeitraum von 1965 bis Mitte 1968 insgesamt 2,5 Milliarden Mark in diesem Gebiet investieren werden.

Der belgische Chemiekonzern Solvay ist ebenso mit von der Partie wie die amerikanische Monsanto Europe und die französische Rhône-Poulenc-Gruppe. Diesem Beispiel ist jetzt auch die Dritte im Bunde der früheren IG-Farben-Familie, die Farbwerke Hoechst AG, gefolgt, die sich zunächst mit einer Phosphorfabrik im niederländischen Vlissingen, also noch im Ausstrahlungsbereich des Antwerpener Raumes, ansiedeln wird.

Was aber der Chemie recht ist, ist dem Stahl schon lange billig. Den Stahl gleich an der Küste zu erschmelzen, wo die Rohstoffe aus Übersee ankommen, und im Binnenland nur noch auszuwalzen und zu verarbeiten, ist schon lange ein viel diskutiertes, wenn auch für die deutsche Schwerindustrie nicht unbedingt akutes Thema. Immerhin gehört die Logik der Standortwahl Küste für ein neues Stahlwerk heute zu den unbestrittenen Thesen der europäischen Stahlindustrie, deren Abhängigkeit von importierten Einsatzstoffen zwar unterschiedlich ist, aber in jedem Falle im Laufe der Jahre steigt. Denn der Anteil der Importeure steigt, und auch die Kohle kommt immer mehr aus Übersee.