Von Ludwig Thamm

Über das teure Leben stöhnt nicht nur die Hausfrau in Hamburg und München. Auch in Budapest, Warschau oder Omsk ergeht es den Verbrauchern nicht viel besser. Und während man im Westen versucht, die Preise mit mehr oder weniger erfolgreichen Maßnahmen zu stabilisieren, kommen sie in den Ostblockstaaten jetzt erst richtig in Bewegung. "Schuld" daran sind die Wirtschaftsformen, die sich zur Auflockerung des starren und unwirtschaftlichen Systems der totalen Planwirtschaft als unumgänglich erwiesen haben.

Seit Jahren redet man in den Ostblockländern von Wirtschaftsreformen. Zunächst spielten sich die Diskussionen auf der akademischen Ebene und in den oberen Rängen des Funktionärskorps ab. Inzwischen hat auch der Mann auf der Straße gemerkt, daß die Wirtschaftsreformen nicht nur eine Angelegenheit der Planer und Politiker, der Betriebsleiter und Direktoren sind. Auch der Verbraucher wird davon betroffen: es geht an seine Brieftasche.

Als sich im Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (Comecon) Osteuropa wirtschaftlich zu formieren begann, bildeten die von den Behörden festgesetzten Preise aller Erzeugnisse eine Quelle steter Schwierigkeiten, nicht nur im Außenhandel. Auch im Einzelhandel führten die Verzerrungen zu merkwürdigen Ergebnissen. Davon war auf zahllosen Funktionärssitzungen zwischen Wladiwostok und Magdeburg hinter verschlossenen Türen die Rede, während Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen munter vom sorglosen Alltag des Sowjetbürgers und seiner Genossen in den verbündeten Ländern plauderten.

In Warschau entschloß man sich zuerst, dieses heikle Thema in die Öffentlichkeit zu tragen: Die Periode der öffentlichen Diskussionen über eine Wirtschafts- und Preisreform begann. Es war Ende 1956, als man in Polen zu der Erkenntnis kam, daß mit dem System fester Preise über lange Zeiträume hinweg in einer modernen Wirtschaft nicht auszukommen ist. Zwar konnten die Betriebe mit diesen Preisen bequem kalkulieren, aber die ständige Entwicklung etwa der Löhne, der Produktivität und zahlreicher anderer Faktoren blieb unberücksichtigt.

Ein besonders anschauliches Beispiel für die Problematik behördlich festgesetzter Preise bietet der Kohlenbergbau in Polen. 1950 mußten zur Förderung einer Tonne Steinkohle 62 Zloty aufgewendet werden. Der durchschnittliche Absatzpreis lag bei nur 53 Zloty je Tonne. Bis 1959 hatten sich die Selbstkosten bei der Förderung auf 236 Zloty entwickelt, während der durchschnittliche Absatzpreis nur zögernd auf 129 Zloty gefolgt war. 1950 wurden die Selbstkosten durch den Preis noch zu 85 Prozent gedeckt; zehn Jahre später aber nur noch rund zur Hälfte.

In den vielen polnischen Veröffentlichungen jener Jahre findet sich noch ein anderes anschauliches Beispiel. 1956 schlossen 20 Prozent der Betriebe in der Leichtindustrie ihre Bilanzen mit einem Defizit ab, in der Lebensmittelbranche waren es 47, in der Chemie 49 und im Kohlenbergbau 77 Prozent. Schon damals wurde in Polen der Vorschlag gemacht, der Staat solle nur die wichtigsten Grundstoffpreise zentral festsetzen. Kompetenzen zur Bildung von Preisen vor allem für Versorgungsgüter sollten an untere Verwaltungsinstanzen abgegeben werden. Man schlug vor, Höchst- und Mindestpreise festzulegen.