Sie endete irregulär, aber fair

Von Adolf Metzner

England – England – so klang es mir um Mitternacht von der Straße herauf in meinem Londoner Hotelzimmer noch im Halbschlaf in die Ohren. Und am Sonntag in der Frühe wünschte mir der Boy, der "tea and toast" brachte, statt eines guten Morgen, wiederum England – England. Ich hätte wohl mit Uwe, Uwe antworten müssen, denn in solch schamhafter Verkleidung tritt heute "West Germany", wie es hier offiziell hieß, auf. Aber so ein bißchen deutsche Männeskraft, ein wenig deutsche Eiche, steckt in dem Schlachtruf doch darin.

Hatte London bis dahin kaum Notiz vom "World Cup" genommen, so brachte das dramatische Finale die Stadt um den Schlaf. Am Trafalgar Square, am Piccadilly Circus und in Soho drängten sich Zehntausende und genossen den nationalen Rausch in vollen Zügen. Soweit die Autos noch durchkamen, ließen sie stolz den Union Jack wehen und hupten das Siegessignal von 1945. Dazwischen immer wieder die Sprechchöre "England – England" skandierend, aber mit triumphalem Unterton.

Ein eingekeilter deutscher Stoßtrupp versammelt die letzten schwarzrotgoldenen Fahnen, und zwei Trompeter blasen schmetternd zur Retraite. Vor dem Royal Garden Hotel, am Hyde Park beim Kensingtonpalais, stauen sich am Abend Tausende von "Fans", blockieren den Verkehr und holen immer wieder die englischen Spieler und Alf Ramsey, den "Architekt des Sieges", auf den Balkon. Indessen warten die Deutschen geduldig im Saal auf den Beginn des Banketts. Die Frauen der englischen Nationalhelden trugen nicht die aufgetürmten Frisuren unserer Bundesligadamen, dafür aber Miniröcke von der atemberaubenden Kürze, wie sie jetzt in London modern sind.

Der Dirigent wird vergöttert

Ramsey hat in England mit einem Schlag die deutsche Popularität Herbergers erreicht. Lautete dessen Philosophie "Der Ball ist rund, und das nächste Spiel ist immer das schwerste", so war der Engländer durch seine penetrante Prophetie, die er drei Jahre durchhielt – "England gewinnt den Cup" – zunächst mehr ein Ärgernis, bis er jetzt nach zwei Stunden Fußballfinale zum Seher erhoben wurde, dem übernatürliche Kräfte zur Verfügung stehen. Der Trend, den Dirigenten zu vergöttern, besteht ja schon lange auch im Konzertsaal. Der Pultvirtuose wird dort in den Himmel gehoben. Was wäre er aber ohne die glänzenden Solisten in seinem Orchester? Ohne einen Fritz Walter, Werner Liebrich und Helmut Rahn hätte es 1954 auch nie einen Herberger gegeben, der schließlich alle an Popularität übertraf. 1962 in Chile fehlten sie, und ihre schwächeren Epigonen konnte auch der Nimbus Herbergers nicht ins Endspiel peitschen.