Hiddensee, Ende Juli

Von Nordosten, von Hiddensee her kam die Gewitterwand schnell näher. Als der Regen einsetzte, war der Strand bereits menschenleer. Die Urlauber in Zingst waren an diesem schwülen Julitag wie so oft in diesem Jahr auf die Fernsehgeräte angewiesen. Der DDR-Bildschirm brachte anspruchslose Kost, Willi Schwager und Heinz Quermann kramten Artistik- und Kabarettgags aus der Adlershofer "Rumpelkammer" hervor. Oberarzt Dr. K. aus Magdeburg, mit dem ich bei gutem Wetter Strandburg an Strandburg hauste, lud mich zu sich ein: "Sie sind ja nicht für die Quermann-Späße, kommen Sie in mein Zimmer, wir können die Bonner Herren über UKW-Funk hören, die Antwort auf Ulbrichts geplatzten Redneraustausch."

Bald trat der kleine Radioapparat in Aktion. "Angeschlossen alle Sender ... Fernsehen ... Hörfunk ... die Kommunisten haben gekniffen ... Deutschland ist nicht nur das Thema einer Partei, es ist allen Parteien gestellt." Es sprach der Bundeskanzler: "... Sicherung der freiheitlichen Ordnung und der wirtschaftlichen Stabilität... Die Menschenrechte in die Tat umgesetzt ... Die materielle Wohlfahrt bedeutet nicht alles ... Soziale Gerechtigkeit..."

Dr. K., mein Gastgeber, war zu Beginn des Abends nicht sehr gesprächig; ich wußte, daß ihn die Verhältnisse bedrückten. "Hätte Ulbricht seine Mauer auch nur zwei Tage später gebaut, dann wäre ich mit meiner Frau und den Kindern am 14. August 1961 an die Tübinger Universitätsklinik gegangen", hatte er mir vor einigen Tagen erzählt. Inzwischen hat sich der Arzt mit der DDR-Situation leidlich arrangiert: Seine Habilitation ist beendet, er wird im Frühjahr die Kinderklinik einer kleineren Universitätsstadt als Nachwuchsprofessor übernehmen. Seine Leidenschaft gilt der Hormonforschung: "Wissen Sie, zwergenhaft verkümmerte Kinder durch Wachstumshormone zu normalen Lebewesen zu machen, ist das nicht eine wunderbare Aufgabe?"

Jetzt saßen wir in einem Zimmer des Zingster FDGB-Ferienheims und hörten Rainer Barzel, den jungen Mann der CDU: "Bewegung ist entstanden, sie wird bleiben, in den großen wie in den kleinen Dingen!... Uns fehlt es nicht an Bereitschaft, noch an Phantasie, noch an unkonventionellem Mut – was allein fehlt, ist eine Haltung der Herren im Kreml, die an Frieden und Humanität orientiert sein müßte ..."

Plötzlich fuhr Dr. K. unwirsch dazwischen: "Geht es Ihnen auch so, ich kann dieses pastorale Öl kaum noch ertragen, wie mag der Biedermann aussehen? Dunkler Anzug und das Gesicht in würdige Falten gelegt?" Ich antwortete nicht. Aus dem Radio tönte es beruhigend: "Wir werden fortfahren, menschliche Erleichterungen in der SBZ zu erwirken", und dann: "Wen menschliches Leid ... nicht wenigstens einmal... erschüttert hat, der ist kein deutscher Patriot."

Ein Seufzer von gegenüber: "Wollen wir abschalten?" Ich verneinte, es würde ja nur noch wenige Minuten dauern. Dann hörten wir Strauß: "Wir sind und bleiben Deutsche..." Es folgte mit bajuwarischer Energie ein Geschichtskolleg, in dem Rußland die Rolle des Erbfeindes zugewiesen wurde: "Das Hauptziel der Europapolitik Moskaus ist es nach wie vor, Deutschland zu teilen ..."