Von Gottfried Sello

Proust-Leser werden sich aus der Recherche du temps perdu erinnern, wer das feinsinnigste Buch über Vermeer verfaßt hat. Das unveröffentlichte Manuskript stammt aus der Feder von Swann, der, wenn es ihm seine mondänen Pariser Verpflichtungen erlauben, für einen Tag nach Den Haag reist, um sich an der "Ansicht von Delft" und dem "Mädchen mit dem Perlenohrgehänge" zu delektieren.

Im Salon der Herzogin von Guermantes, wo es zum guten Ton gehörte, sich über künstlerische Größe zu mokieren, galt Vermeer als das Nonplusultra. Der Dichter Bergotte hatte zwei Tage vor seinem Tode das Glück, einen Vermeer zu betrachten, Besseres kann einem Sterbenden nicht widerfahren. Vermeer war das ästhetische Credo der Belle époque, wobei nicht für Swann, aber für die Snobs unter seinen Freunden die Tatsache eine gewisse Rolle spielte, daß Vermeer gerade erst aus dem Dunkel einer zweihundertjährigen Vergessenheit aufgetaucht war.

Naiver, aber nicht weniger enthusiastisch äußert der Amerikaner John Updike (in seinem neuesten Roman "Der Zentaur") seine Bewunderung für den Maler aus Delft. Für den sechzehnjährigen Kleinstadtschüler bedeuten die beiden aus Magazinen herausgeschnittenen Vermeer-Reproduktionen den Inbegriff von Schönheit, sie motivieren seinen Wunsch, Maler zu werden.

Die Franzosen haben Vermeer wiederentdeckt, der Journalist und Kritiker Thore-Bürger leitete 1866 mit drei Artikeln in der Gazette des Beaux-Arts die Vermeer-Renaissance ein, er nannte ihn den "Paradiesvogel im Hühnerhof der holländischen Malerei". Jacob Burckhardt dagegen hielt ihn für einen überschätzten Kleinmeister. Noch 1882 wurde das "Mädchen mit dem Perlenohrgehänge" im Haag für 230 Gulden versteigert. Aber 1889 zahlte man auf einer Pariser Auktion für ein anderes Vermeer-Gemälde schon 75 000 Francs. Die Zahlen sind interessant, weil so mit einiger Sicherheit Vermeers Wiederkehr in die achtziger Jahre datiert wird.

Die "Briefleserin in Blau" kam 1885 als Vermächtnis ins Rijks-Museum. Dort sah sie Vincent van Gogh. "Kennst du einen Maler namens Vermeer?" schrieb er an seinen Freund Emile Bernard. "Er hat die würdevolle und schöne Figur einer schwangeren Holländerin gemalt. Die Farbenskala besteht aus Blau, Zitronengelb, Perlgrau und Weiß. Es ist wahr, in den wenigen Bildern, die wir von ihm haben, kann man alle Farben der Palette finden; aber es ist eben doch charakteristisch für ihn, daß er Zitronengelb, ein stumpfes Blau und ein helles Grau kombiniert, so wie Velasquez Schwarz, Weiß, Grau und Rosa zu einer Harmonie bindet."

Vornehmlich Maler und Dichter haben den Dialog über Vermeer geführt. Van Gogh rühmte die Farbenskala. Claudel, ein Autor mit ungewöhnlichem Kunstverstand, schrieb in seinem Essay "Vom Wesen der holländischen Malerei": "Aber ich will Sie hier keineswegs mit Farben beschäftigen, trotz ihrer Qualität und der zwischen ihnen herrschenden Abstimmung, die so kühl und genau ist, daß sie weniger mit dem Pinsel als mit dem Verstände erschaffen zu sein scheint. Was mich hinreißt, ist das reine, alles Stofflichen entkleidete, entkeimte, gereinigte Licht von gewissermaßen mathematischer oder engelhafter oder sagen wir einfach photographischer Aufrichtigkeit. Aber welch eine Photographie, in die dieser im Innern seiner Linse eingeschlossene Maler die äußere Welt einfängt!"