Bonn

Die Bonner Universitätskliniken auf dem Venusberg können sich rühmen, einen besonders qualifizierten Pförtner zu haben. Er ist Versicherungskaufmann. Acht Stunden täglich drückt der 23jährige Hartmut M. auf einen kleinen Knopf, damit sich die Halbschranken am Haupttor öffnen und schließen. Hartmut M. leistet zusammen mit 23 anderen Kriegsdienstverweigerern seinen achtzehnmonatigen Ersatzdienst in der Staatlichen Ersatzdienstgruppe der Bonner Kliniken. Seine stumpfsinnige Tätigkeit offenbart das Dilemma, in dem sich der zivile Ersatzdienst von Anfang an befindet.

Den meisten Ersatzdienstlern in der Bonner Gruppe geht es nicht besser. Drei arbeiten in der Küche an Schäl- und Spülmaschinen, zwei bedienen acht Stunden täglich die Schleuder in der Wäscherei. Vier machen sich in der Verwaltung nützlich und hantieren an Buchungsautomaten oder falten Endlosformulare. Drei Kriegsdienstverweigerer sind "Mädchen für alles" in den Kliniken, einer reinigt mit einem Industriestaubsauger das Kesselhaus, und vier verrichten ihren Dienst in der Fahrbereitschaft. Nur sechs der jungen Leute leisten eine Arbeit, wie sie der Gesetzgeber im Ersatzdienstgesetz umrissen hat, nämlich als Krankenpfleger. Mehr Pflegestellen gibt es nicht.

Die Stimmung in der kleinen Baracke, die am Rande des Klinikgeländes zur Unterbringung der Ersatzdienstler aufgestellt wurde, ist gedrückt. Gerhard M., 24 Jahre alt, Schriftsetzer und bereits Familienvater, macht sich zum Sprecher seiner Kollegen: "Wir sind mit dieser Arbeit nicht zufrieden. Schließlich haben wir den Kriegsdienst verweigert, um einen Alternativdienst für den Frieden zu leisten. Das, was hier geschieht, ist keine Lösung. Wir brauchen eine Aufgabe,"

Alle diese jungen Leute wurden bis auf wenige Ausnahmen Handlanger, weil sie von einem im Grundgesetz verankerten Recht Gebrauch machten: dem Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen. Viele Kriegsdienstverweigerer fragen deshalb: "Ist das im Sinne des Gesetzgebers, entspricht es der Würde des Grundgesetzes, daß der zivile Ersatzdienst zu einer Beschäftigungsinstitution für Handlangerdienste und Hilfsarbeiten geworden ist?"

Präses Joachim Beckmann, der Beauftragte der evangelischen Kirche für Fragen der Kriegsdienstverweigerung, antwortet auf diese Frage: "Man sieht den Kriegsdienstverweigerer bei uns leider als ein lästiges Übel an, für das man nun auch sorgen muß, weil man nach dem Gesetz nicht anders kann. Aber man wäre letzten Endes froh, wenn es überhaupt keinen gäbe."

Etwa 1,5 Prozent der Gemusterten jedes Jahrgangs möchte den Wehrdienst verweigern. Aber nur die Hälfte von ihnen stellt wirklich einen Antrag. Dazu Präses Beckmann: "Die Tradition der deutschen Familien ist eher militaristisch als pazifistisch. Die jungen Leute haben es deswegen schwer, sich in ihren Familien zu einem solchen ungewöhnlichen Schritt zu bekennen." Immerhin wurden in den ersten neun Jahren seit Beginn der Prüfungsverfahren 28 289 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung gestellt. 14 781 davon wurden gebilligt. Aber noch nicht einmal ein Drittel von ihnen, nämlich nur 4157 junge Männer, haben bisher ihren Ersatzdienst geleistet. Das für den Ersatzdienst federführende Bundesarbeitsministerium entschuldigt das schleppende Einberufungsverfahren mit Personalmangel. So kommt es, daß in der Bonner Ersatzdienstgruppe der größte Teil der Kriegsdienstverweigerer bereits über 23 Jahre alt ist; der älteste in der Gruppe ist ein 26jähriger Konstruktionsingenieur. Die Benachteiligung gegenüber den Wehrpflichtigen liegt auf der Hand: Jene können mit achtzehn Jahren ihrer Wehrpflicht genügen, die Ersatzdienstpflichtigen, oft schon Familienväter, werdet mitten aus dem Berufsleben herausgerissen.