Von Nina Grunenberg

Düsseldorf, im August

Frohe Erwartung ließ die Augen der Zuschauer erglänzen, die sich am Montag morgen auf der Tribüne des Düsseldorfer Landtaggebäudes versammelten: Die Voraussage für die Debatte der Regierungserklärung von Ministerpräsident Franz Meyers lautete: "Wildes Schlachtgetümmel !" Noch am Wochenende hatten sich die Gegner eingestimmt. SPD-Chef Heinz Kühn, Sieger der Wahl und Verlierer in der Regierungsbildung, hatte es nicht dabei belassen, "härteste Opposition" anzukündigen, sondern noch über den Südwestfunk Neuwahlen gefordert. Franz Meyers wählte die "Welt am Sonntag", um zu replizieren: "Diese Forderung lehnen wir natürlich glatt ab."

Regierungschef und Minister saßen auf Plätzen, die hart errechnet, nicht siegreich errungen worden waren. Die Fraktionen boten sich in Reih und Glied dar: die SPD mit 99 Abgeordneten, neun mehr als in der fünften Legislaturperiode, alle direkt gewählt, die stärkste Partei also – aber Heinz Kühns Regierungsmannschaft, von der die fünf wichtigsten Fachleute die ersten fünf Listenplätze eingenommen hatten, wurden Opfer des Verhältniswahlrechts: sie stehen draußen vor der Tür. Statt ihrer zogen Neulinge in das Parlament, von denen es mancher nicht glauben wollte: "Seit 1919 haben wir auf diesen Tag gewartet..."

Die Fraktion der CDU hat 10 Sitze verloren und besitzt noch 86 Mandate, nach einem Wort des FDP-Abgeordneten Kienbaum, der wieder Wirtschaftsminister in der Koalitionsregierung wurde, nur ein "Gesundschrumpfungsprozeß". Zusätzliche Bitternis bereitet in der CDU noch der "Verräter", der sich bei der Wahl von Franz Meyers zum Regierungschef der Stimme enthalten hatte. Bei beiden Wahlgängen lag sein Stimmzettel, nachdem die Urne umgestürzt worden war, ziemlich weit oben. Gewählt aber wurde nach dem Alphabet. Sollte der Verräter also vielleicht einen Namen haben, der mit B beginnt. Schon wurde nach ihm gefahndet, als den Fraktionsoberen der CDU einfiel, daß es der SPD nur recht wäre, wenn sich die Union selbst zerfleischen würde.

Ärgerlich für die CDU war auch gewesen, daß sie ihren Fraktionsraum mit dem der SPD hatte tauschen müssen: der größte Saal der größten Partei. Die FDP indessen schlug ihre Zelte in der ersten Zusammenkunft nach dem 10. Juli im Düsseldorfer Industrie-Club auf, allzu demonstrativ, wie manche meinten. 0,6 Prozent und ein Mandat hatten die Freien Demokraten dazugewonnen. Statt 14 besetzen sie 15 Plätze, und Willi Weyer lächelt freundlich von der Regierungsbank, so daß die Zuschauer sich schon fragen mußten, über was er sich denn so freut.

Glücklich scheint nur ein Mann im Düsseldorfer Parlament zu sein: Sozialdemokrat John van Nes Ziegler, bislang als Fraktionschef der SPD im Kölner Rat bekannt. Leger und sicher gab er vom neu erworbenen, erhöhten Sessel des Landtagspräsidenten bekannt: Drei Abgeordnete fehlten – entschuldigt. Wohlige Schauer im Publikum: Im Kampf der 99 Sozialdemokraten gegen die hundert oder hundertundeinen Abgeordneten der CDU/FDP-Koalition wird in Zukunft die Anwesenheitsliste über das Schicksal der Regierung entscheiden. Mit den Worten von Heinz Kühn: "Der Ambulanzwagen wird zum Symbol dieses Hauses werden."