Für einen angesehenen deutschen Leitartikler wurde Wembley schier zum Circus Maximus, zum Pandämonium fast. Er beschwor in geradezu dantesken Bildern das Auditorium der vierhundert Millionen Fernsehzuschauer. Wie aber war es wirklich?

Da saßen die vierhundert Millionen, die Flasche Bier in der Hand und (als Deutsche jedenfalls) "uns Uwe" im Herzen, den Blick auf die mattscheibige Belsazar-Wand gerichtet, forschend nach den Zeichen, die das Schicksal bereithält. Was denn daran war nationalistischer Massentrieb? Wer geriet in die "tödliche Gefahr des mißverstandenen Spiels"?

Wie immer und ewig wurde auch bei dieser Fußballweltmeisterschaft die Panem et circenses-Parallele zum alten, verderbten Rom gezogen. Das genau ist das Intellektuellen-Klischee, das stets bemüht wird, wenn der Sport Aufsehen erregt. In dieses Klischee wird die Queen als Cäsarin gepreßt – ausgerechnet diese liebenswürdige Dame, die zwangsläufig lächeln muß und ins Protokoll wie in ein victorianisches Korsett gezwängt wird.

Schrauben wir die wohlformulierten Leitartikel-Worte zurück auf den nüchternen Tatbestand: In diesem Endspiel hat es bei den Spielern wie bei den Zuschauern nichts "Unkontrolliertes" gegeben. Kein Gladiator trat auf. Es gab Begeisterung. Das Spiel war fair. Und von "Völkerzwist" gab es keine Spur. A. M.