Die nationalsozialistische Rhetorik, lingua tertii imperii, ist seit einiger Zeit zum Gegenstand semantischer und syntaktischer Analysen geworden: Vierzehn Jahre nachdem Victor Klemperer unter dem Titel LTI sein Notizbuch eines Philologen publizierte, erschien Eugen Seidels und Ingeborg Slottys Untersuchung „Sprachwandel im Dritten Reich“ (Halle 1961), gefolgt von Cornelia Bernings Studie über das Vokabular des Nationalsozialismus (vom „Abstammungsnachweis“ zum „Zuchtwart“) und Sigrid Frinds Arbeit über die Sprache als Propagandainstrument in der Publizistik des Dritten Reiches, einer Dissertation der Freien Universität Berlin vom Jahr 1964.

Nimmt man eine Tübinger Staatsexamensarbeit hinzu (Lutz Winckler, „Die Sprache des Nationalsozialismus“, eine Untersuchung über den Zusammenhang von Sprache und politischer Ideologie) und läßt vor allem einige in den Vereinigten Staaten entstandene Abhandlungen nicht außer acht, die sich mit dem Phänomen „Rhetorik und Propaganda des Nationalsozialismus“ beschäftigen, dann hat man ungefähr ein Dutzend brauchbarer Analysen zusammen – nicht gerade viel in Anbetracht des zentralen Themas (im Fall der kommunistischen Rhetorik steht es, am Rande bemerkt, eher noch schlechter), nicht eben ermutigend, wenn man bedenkt, wie nützlich eine Reihe von Monographien über Vokabular, Grammatik und Stil des Nationalsozialismus in einem Augenblick wäre, da Worte wie „zersetzend“ fröhliche Urständ feiern und die militant-dynamische Lexis des Dritten Reiches im Zeichen des Antikommunismus eine Renaissance erlebt.

Kein Zweifel, daß in diesem Zusammenhang vor allem eine detaillierte, von einem Team erfahrener Germanisten durchzuführende Analyse der Hitlerschen Rhetorik dienlich wäre. Auf diese Weise ließe sich der stilus demagogicus eines Mannes erhellen, der in seinem Buch „Mein Kampf“ (Band 2, Kapitel 6, 2: Die Bedeutung der, Rede) so etwas wie einen Leitfaden für politische Rhetoren und Demagogen entworfen und, es muß gesagt sein, als erster nach den großen Volkspredigern die Macht des gesprochenen Worts realisiert hat. („Ich konnte reden“, heißt es in der Hitlerschen Schrift, reden im Sinn von überreden, von Einfluß haben und Zauberkräfte besitzen gemeint.)

Aber war der erfolgreichste Redner deutscher Zunge auch ein guter Redner, ein Meister der Sprache, der Komposition und des rhetorischen Witzes, ein Mann, der sich mit Fox und Burke, mit Lassalle und Jaurès, mit dem älteren Pitt oder, um auch einen Demagogen von höchstem Rang nicht zu vergessen, mit dem Teufel, aus Miltons Verlorenem Paradies vergleichen ließe? Ist der Glanz seiner Perioden, der harmonische, dem Sujet entsprechende Wechsel von Parataxe und Hypotaxe zu rühmen, überzeugt die Anschaulichkeit der verwendeten Bilder, die Kühnheit von Figuren und Tropen, die Kraft der Metaphern? Oder wie erklärt sich die sirenenartige Wirkung Hitlerscher Proklamationen?

Hildegard von Kotze und Helmut Krausnick haben eine Reihe zum größten Teil unbekannter Führer-Reden (man fand die Tonbänder unter abenteuerlichen Umständen am Tegernsee) herausgegeben, historisch erläutert und kommentiert –

„Es spricht der Führer“, sieben exemplarische Hitler-Reden, herausgegeben und erläutert von Hildegard von Kotze und Helmut Krausnick unter Mitwirkung von F. A. Krummacher; Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh; 379 S., 19,80 DM.

Es spricht der Führer – das heißt: ein predigender Demagoge stellt sich auf sein Publikum ein. Die rhetorische Vorschrift beherzigend, daß zwischen Redner, Redegegenstand und Publikum ein angemessenes Verhältnis herzustellen sei, sprach Hitler vor alten Kämpfern anders als vor Offizieren, vor Bauarbeitern anders als vor den Herren der Wirtschaft: Die Reden, im Grundtenor gleich, richten sich im Detail nach der jeweils gegebenen Situation; Vokabular und Stil zeigen hier Familiarität, dort Herablassung, hier Verachtung, dort Vertraulichkeit. Zukünftige Untersuchungen werden also gut daran tun, die konkrete Situation nie aus den Augen zu verlieren und zu beachten, daß die Bierkameraderie des Bürgerbräukellers ein anderes Pathos als die Atmosphäre des Reichstags verlangt.