DIE ZEIT

Polizeistaat auf Abruf

Ein Geheimnis, das bisher vor der Neugierde des Staatsbürgers sorgfältig abgeschirmt wurde, ist jetzt – auf dem Umweg über Ostberlin – ans Tageslicht gekommen: Die Schubladengesetze für den Notstand.

Der große Sprung zurück

Die Passierscheingespräche sind gescheitert. Die "salvatorische Klausel", die Eselsbrücke, auf der Ost und West an den Verhandlungstisch zu kommen pflegten, ist zerbrochen.

Lästiger Argwohn

Wir machen unseren Freunden das Leben wirklich schwer. Die Amerikaner werden gezwungen, uns immer von neuem zu versichern, wie lieb sie uns haben, wie treu sie uns sind und wie fest sie sich entschlossen haben, niemals Truppen abzuziehen, auch wenn sie sie dringend brauchen.

Auch ohne de Gaulle...

Nachdem das Programm der "Föderation der demokratischen und sozialistischen Linken", also des wichtigsten oppositionellen Lagers in Frankreich, veröffentlicht worden war, ereignete sich ein in der diplomatischen Geschichte seltener Vorgang: Eine Botschaft – nämlich die deutsche – intervenierte bei der Oppositionspartei wegen der Formulierung ihres Regierungsprogramms.

Bruder Brown und die Drachen

Wenn er nachts um drei angerufen und gefragt würde, ob er bereit sei, sofort Generalsekretär der UN zu werden, so wäre er mit Sicherheit bereit.

ZEITSPIEGEL

"Wir erkennen die ostdeutsche Regierung nicht an, die nicht genügend repräsentativ ist, wir stimmen jedoch (mit ihr) in der Frage der deutschen Grenzen und hinsichtlich der Tatsache überein, daß Westdeutschland keine Atomwaffen besitzen soll.

Überforderte Richter!

Auch das Oberlandesgericht hat – nach dem Münchner Landgericht – "in Sachen Strauß gegen Augstein wegen Widerruf und Schadensersatz" jetzt weitgehend für den CSU-Vorsitzenden entschieden.

Die strategische Revolution

Immer dramatischer zeichnet sich der bisher größte Wandel im westlichen Bündnis ab. Noch ist die durch den französischen Auszug aus der atlantischen Militärorganisation entfesselte Krise keineswegs überwunden, da wird ihre überragende Bedeutung bereits durch die von Amerika und England betriebene militärische Verdünnung auf dem europäischen Kontinent verdrängt.

Der Sturz der Dogmatiker

Die jüngsten Ereignisse in Jugoslawien wurden zunächst häufig als ein "Machtkampf in der Führung" bewertet. Tatsächlich hatte das jugoslawische Zentralkomitee auf seiner Tagung in Brioni wichtige personelle Veränderungen beschlossen.

Mehr Rechte für die Bürger

Unter dem Titel "Grund unter den Füßen" versucht der Führer der katholischen ZNAK-Gruppe im polnischen Parlament, Stanislaw Stomma, seinen Lesern die Vorzüge des sozialistischen Regimes näherzubringen.

Wolfgang Ebert:: Zufrieden mit Erhard

Eine Umfrage der Illustrierten "Quick", bei der es darum ging, ob man bei uns immer noch mit Ludwig Erhard als Kanzler zufrieden ist, hat ein geradezu sensationelles Ergebnis gehabt.

Der doppelte Erdrutsch

Bei richtiger Auswahl der Bezirke läßt sich aus dem Wahlverhalten weniger Tausend mit großer Sicherheit auf die Stimmabgabe von Millionen schließen.

"Dieses pastorale Öl..."

Von Nordosten, von Hiddensee her kam die Gewitterwand schnell näher. Als der Regen einsetzte, war der Strand bereits menschenleer.

Erhard und die SPD

Was will der Bundeskanzler: mehr Distanz zur Opposition oder Zusammenarbeit?

Atom-Mächte durch die Hintertür

Rumänien ist nicht Frankreich, und Parteichef Ceausescu ist nicht Präsident de Gaulle. Die Grenzen der rumänischen Handlungsfreiheit werden vorläufig immer noch mehr in Moskau abgesteckt als in Bukarest.

Warum mit Gummiknüppeln?

Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln" – so heißt es in Artikel 8 des Grundgesetzes.

Namen der Woche

Nguyen Chanh Thi, populärster südvietnamesischer General, dessen Absetzung im letzten Frühjahr die monatelangen buddhistischen Unruhen auslöste, nahm denselben Weg, wie so viele entmachtete Kollegen vor ihm: Er reiste als Privatperson in die USA, angeblich, um sich ärztlich behandeln zu lassen.

Gefahr für Indien?

Eine neue chinesische Lautsprecher-Offensive gegen die indischen Truppen an der Grenze zwischen dem Himalaja-Staat Sikkim und Tibet hat in Neu-Delhi Befürchtungen geweckt, dies könne der Vorläufer eines neuen chinesischen Angriffs gegen Indien sein.

Bärtiges

General Ongania, der schnauzbärtige neue Präsident Argentiniens, läßt nicht mit sich spaßen. Das mußten nicht nur jene hundert politisch "unzuverlässigen" Professoren und Studenten erfahren, die von der Polizei aus den Universitäten hinausgeprügelt wurden, davon wissen auch die Redakteure der satirischen Zeitschrift Tia Vicenta ein Lied zu singen.

Von ZEIT zu ZEIT

Eine Einigung über die Berliner Passierscheinstelle für Härtefälle ist gescheitert. Zwischen Westberlin und dem Ostsektor der Stadt sowie der DDR wurde eine direkte Fernschreibverbin- dung in Betrieb genommen.

Kys Kraftmeierei

Eine winzige Maus, namens Ky, auf den Pfoten eines amerikanischen Tigers sitzend, wirft sich in die Brust: "Wir werden es mit allen Tieren des Waldes aufnehmen!" – So kommentierte der Karikaturist der New York Herald Tribüne die jüngsten Kraftäußerungen des südvietnamesischen Regierungschefs.

Mao säubert die Armee

Die große Säuberung in der Kommunistischen Partei Chinas hat nun auch die Streitkräfte erfaßt. Der Generalstabschef der Armee, Lo Jui-tsching und viele andere höhere Offiziere, unter ihnen der Befehlshaber der Marine, der Kommandeur der Sicherheitstruppen und der Chef der politischen Abteilung in der Armee, wurden abgesetzt, weil sie angeblich die Parteipolitik aus dem militärischen Leben verbannen wollten.

Berliner Sackgasse

"Daß wir unseren Weg weitergehen müssen, um der Menschlichkeit eine Gasse zu bahnen, steht für mich außer Zweifel", sagte Willy Brandt nach der ersten großen Passierscheinaktion am Jahreswechsel 1963/64.

Düstere Wolken

Niemals seit 1945 hätten so düsterschwere Kriegswolken über der Menschheit gehangen, sagte UN-Generalsekretär U Thant nach seiner ergebnislosen Friedensmission in Moskau.

Fernsehen:: Bericht über einen Zweikampf

Da ARD und ZDF das Halbfinale zwischen Deutschland, dem halben, dem westlichen Deutschland (bei jedem Tor ermahnt die weiße Schrift West Germany die Bildschirm-Gemeinde: Vergeßt nicht, daß es noch ein East Germany gibt) und der Sowjetunion in schöner Vollständigkeit übertrugen und da auch der ARD-Sprecher offensichtlich nicht die Aufzeichnung, sondern das Spiel in actu analysierte, hatte der Betrachter die Chance, das gleiche Match einmal mit den Augen des Herrn Schneider zu sehen, ab 19.

Der Monsignore und der Ehemann

ARTHUR KOESTLER: Im Leben eines jeden Menschen gibt es bestimmte Perioden – für mich ist die Periode meiner politischen Probleme vor mehr als zehn Jahren zu Ende gegangen.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Mit Louis Couperin, 1626 bis 1661, beginnt eine lange Kette von Komponisten und Instrumentalisten aus einer Familie, die bis 1860 im französischen Musikleben eine bedeutende Rolle spielte.

Kunstkalender

Die Ausstellung beginnt bei Hackert, dem Goethe eine biographische Skizze widmete. Seine "Badenden Nymphen" (1767) balancieren zwischen Rokoko und den neuen klassizistischen Idealen, die sich bei Reinhart, Schick und Koch ("Das Schöne und Erhabene sind die Vorwürfe der bildenden Kunst"), Vor allem aber bei Carstens durchgesetzt haben.

Porträt einer mißverstandenen Schule

Vor der Tür der Rudolf-Steiner-Schule in Bochum standen zwei Knaben: ein sehr junger Törless, der meinem Bemühen, bei strömendem Regen aus dem Taxi zu gelangen, interessiert, aber kühl bis ans Herz zuschaute, und ein freundlich grinsender Beatle, der, als ich ganz draußen und schon halb naß war, schließlich doch mit einem Regenschirm herbeigeswingt kam.

Ein Stammbaum zu besichtigen

Proust-Leser werden sich aus der Recherche du temps perdu erinnern, wer das feinsinnigste Buch über Vermeer verfaßt hat. Das unveröffentlichte Manuskript stammt aus der Feder von Swann, der, wenn es ihm seine mondänen Pariser Verpflichtungen erlauben, für einen Tag nach Den Haag reist, um sich an der "Ansicht von Delft" und dem "Mädchen mit dem Perlenohrgehänge" zu delektieren.

ZEITMOSAIK

Mitten in den Theaterferien kam überraschend die Nachricht, daß der seit dem Frühjahr unbesetzte Intendantenstuhl der Freien Volksbühne Berlin, für den eine Zeitlang Giorgio Strehler vom Piccolo Teatro in Mailand genannt worden war, nur.

ZU EMPFEHLEN

ES ENTHÄLT die Probevorlesung des Arztsohnes Georg Büchner, mit der er sich 1836 an der Universität Zürich als Privatdozent für vergleichende Anatomie habilitierte, auf handgeschöpftem englischen Bütten gedruckt, gesetzt aus der Schneidler-Mediaeval der Bauerschen Gießerei und versehen mit von Herbert Post geschnittenen Initialen.

Kritische Annalen von Walter Jens: Im Stile eines schlechten Predigers

Die nationalsozialistische Rhetorik, lingua tertii imperii, ist seit einiger Zeit zum Gegenstand semantischer und syntaktischer Analysen geworden: Vierzehn Jahre nachdem Victor Klemperer unter dem Titel LTI sein Notizbuch eines Philologen publizierte, erschien Eugen Seidels und Ingeborg Slottys Untersuchung "Sprachwandel im Dritten Reich" (Halle 1961), gefolgt von Cornelia Bernings Studie über das Vokabular des Nationalsozialismus (vom "Abstammungsnachweis" zum "Zuchtwart") und Sigrid Frinds Arbeit über die Sprache als Propagandainstrument in der Publizistik des Dritten Reiches, einer Dissertation der Freien Universität Berlin vom Jahr 1964.

Zwei Götter stürzten vom Postament

Es begann mit einer ausgewachsenen Verkehrskatastrophe: keine Taxis, keine Parkplätze, kilometerlange Stauungen durch die ganze Stadt; für eine Strecke von sonst sechs Autominuten brauchte man fünfundfünfzig.

Studentenbühnen im Stich gelassen

Eine Dokumentation über den Krieg in Vietnam sei, insbesondere wenn sie aus Ostberlin stamme und schon deshalb voraussichtlich nicht die erforderliche Objektivität garantiere, kein Theaterstück und habe daher auf der Bühne nichts zu suchen; das nämliche gelte für die Lesung der Hamburger Studiobühne zum gleichen Thema, der Titel "Ami go home" lasse eine einseitige politische Agitation befürchten.

Jewtuschenko, Steinbeck und Vietnam

Dem Dialog der Schriftsteller über den Krieg in Vietnam scheint kein größeres Glück beschieden als den Sondierungen und Verhandlungen der Politiker: Über die Widerwärtigkeit des Krieges ist man sich einig, nicht aber über die Schuld an ihm und schon gar nicht über die möglichen Schritte zu einer Beendigung.

Edward Gordon Craig

Am 29. Juli starb im südfranzösischen Vence im Alter von 94 Jahren der große Bühnenreformator Edward Gordon Craig. Er war der Sohn der englischen Schauspielerin Ellen Terry (1931 wurde ihre Korrespondenz mit Shaw herausgegeben), und er war zunächst selber Schauspieler – vor allem als Tragöde in Shakespeare-Stücken hatte er einen Namen.

Die Industrie drängt zur Küste

Westeuropa wird stets ärmer an Rohstoffen, die in zunehmendem Maße aus Übersee zuzuführen sind, so daß die Seehäfen in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts die neuen Fundstätten für die Rohstoffe geworden sind und so den Standort der Industrien bestimmen.

Auslandsreisen

Maßlosigkeit und Verschwendungssucht hat Bundeskanzler Erhard den deutschen Wohlstandsbürgern vorgeworfen. Insbesondere die Auslandsreisen erregen seinen Zorn.

Das Ende der DM

Nun war sein hartnäckiger Kampf ums Überleben doch vergebens: DM-Verleger Waldemar Schweitzer mußte Konkurs anmelden. Die Schulden in Höhe von fast vier Millionen Mark machten jeden Rettungsversuch aussichtslos.

Porträt: Louis Vallon: Wider die Tabus

Über die politische Karriere des Deputierten Louis Vallon wäre wenig Aufregendes zu berichten gewesen. Doch vor einem Jahr machte der 65jährige Vorsitzende der Finanzkommission der französischen Nationalversammlung plötzlich Schlagzeilen mit einem parlamentarischen Routinevorgang: In einem Zusatzantrag zum Finanzgesetz, der vom Parlament dann mit großer Mehrheit gebilligt wurde, forderte Vallon die Regierung auf, zum 1.

ZEITRAFFER

Im Ruhrgebiet mehren sich die Anzeichen für eine merkliche Entspannung am Arbeitsmarkt. Jetzt hat der Vorstand der Chemische Werke Hüls AG bekanntgegeben, daß es keine Schwierigkeiten mehr bereite, den Bedarf an Arbeitskräften zu decken.

Wer verlor am meisten?

Vor sechs Jahren lag der vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden ermittelte Index für deutsche Aktien bei 708. Bis Ende Juni dieses Jahres war er um 40 Prozent auf 425 gesunken.

Die rote Inflation

Über das teure Leben stöhnt nicht nur die Hausfrau in Hamburg und München. Auch in Budapest, Warschau oder Omsk ergeht es den Verbrauchern nicht viel besser.

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