Jahr und Jahrgang. Bisher erschienen die Bände 1896, 1901, 1906, 1911, 1916, 1926. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, je etwa 150 Seiten, jeder Band 16,50 DM.

Sicher ist es für die geistige Entwicklung eines Menschen von Bedeutung, wie alt er ist, wenn er bestimmte Erfahrungen macht – nicht nur jene schmerzlichen persönlichen, wie den Verlust der Eltern oder der Heimat. Auch Kollektiv-Erfahrungen, Bombennächte, blutige Aufstände, Beobachtung von Deportationen – so undurchsichtig sie dem Kind in ihren Zusammenhängen auch sein mögen – können seinem späteren Welt- und Geschichtsbild eine Imprägnierung geben, die rational schwer auflösbar ist.

Vielleicht waren es ähnliche Überlegungen, die bei jener eigenartigen Buchreihe "Jahr und Jahrgang" Pate gestanden haben. Dort wird nicht nur jeweils ein bestimmtes Jahr in seinen politischen und kulturellen Ereignissen dargestellt, sondern einer der Millionen Neubürger des Jahrgangs berichtet davon, wie er selbst Geschichte erlebt, erlitten oder mitgestaltet hat. Eine solche Komposition fasziniert: Eben noch tauchte der Leser tief in die Geschehnisse dieses einen Jahres ein – dann aber eilt man mit dem Erzähler, der damals geboren wurde, in Riesenschritten von den Begebnissen hinweg in die Jahrzehnte hinaus, die aufs engste verwoben sind mit dem soeben Vernommenen. Die originelle Idee dieser Komposition hatte Joachim Karsten, einer der Herausgeber der Reihe. Wir wollen sehen, was bisher daraus wurde.

Jeder dieser handlichen, vorzüglich ausgestatteten Bände enthält drei Kapitel: einen fesselnd geschriebenen, mit anschaulichen Details erfüllten, oft mit vielen interessanten, bisher oft noch wenig beachteten Quellenhinweisen versehenen historischen Teil, einen nicht weniger interessanten kulturhistorischen Abschnitt sowie ein autobiographisches Stück.

Geplant ist, in Jahresabständen jeweils sechs, später je zwei Bände herauszubringen, so daß bis 1975 lückenlos in vierzig Bänden jedes Jahr und jeder Jahrgang bis zum Jahr 1935 dokumentiert ist. Warum man gerade bei 1896 begonnen hat und bei 1935 schließen will, ist mir nicht klar. Ich frage mich auch, ob die an sich so hübsche Idee nicht unter dem Vollständigkeitswahn leiden wird. Aber warten wir ab.

Sicher wird es nicht schwerfallen, auch in Zukunft für die geschichtlichen und kulturgeschichtlichen Kapitel profilierte Darsteller zu finden, zumal auch mancher der bereits bewährten weitere Kapitel schreiben mag. Schwieriger wird es sein, repräsentative Persönlichkeiten, wirkliche Charaktere des Jahrgangs, zu Niederschriften ihrer geschichtlichen Erinnerungen zu veranlassen. Das zeigt schon die vorliegende Reihe.

Der Lebensbericht eines Nossack (1901) ist ein Dokument von Rang. Hier, verweben sich persönliche Geschichte und Geschichte der Nation. Sicher: was individuelle Anlage ist, kann man nicht als geschichtliches Phänomen ausgeben – wie Nossack bemerkt. Aber ich komme auf die Eingangsbemerkung zurück: Die 1901 Geborenen haben die Jahre 1918/19 in der eindrucksstärksten Zeit ihres Lebens erfahren. Die nur wenig älteren, oftmals Klassenkameraden, hat noch der Krieg geholt. Sie aber standen dieser Katastrophe als Beobachter – oft leidenschaftlich engagierte – gegenüber. Das Erwachen des eigenen Intellekts fiel zusammen mit dem Erwachen eines geschundenen Volkes. Das ist gewiß noch keine Garantie dafür, daß jeder einzelne aufbricht, um das unbekannte Morgen mitzugestalten. Wir wissen, daß viele diesen Schritt nicht taten. Aber es macht den Bericht Nossacks so faszinierend, daß sich in ihm etwas Phänotypisches abzeichnet.