Von Alfred Prokesdi

Die gutaussehende Dame – wie alt mag sie sein? Fünfunddreißig? Vierzig? Schwer zu sagen. Eines jedenfalls ist klar: Mit dem Begriff "Großmutter" bringt sie kein Mensch in Verbindung. Wenn man den Soziologen Glauben schenken darf, wird sich in diesem Punkt allerdings einiges ändern müssen.

so hat man zum Beispiel in den USA festgestellt, daß das mittlere Eheschließungsalter der heutigen Amerikanerin bei 20 Jahren liegt. Mit anderen Worten: Die Hälfte aller amerikanischen Frauen ist mit Zwanzig bereits verheiratet. Und weiter lehrt uns die Statistik: mit 26 Jahren hat die Durchschnittsamerikanerin bereits ihr letztes Kind zur Welt gebracht, die Periode des child yearing (wie die Soziologen sagen) ist in diesem Alter schon vorbei. Daraus folgt, daß – abermals zwanzig Jahre dazugerechnet – dieses letzte Kind bereits verheiratet ist, wenn die Frau Mama ihren 46. Geburtstag feiert. Und der Schluß daraus lautet, daß man die Hälfte aller amerikanischen Frauen schon im Alter von 40 oder 50 als Großmütter titulieren darf – auch wenn sie sich keineswegs so fühlen mögen.

Es ist ein einfaches Rechenexempel: Von der Geburt bis zur Heirat: 20 Jahre. Von da an bis zur Eheschließung des letzten Kindes: 26 Jahre. Und darauf die von den Soziologen errechnete weitere durchschnittliche Lebenserwartung: 30 Jahre. Mit anderen Worten: Die längste und gewichtigste Lebensperiode beginnt mit dem Eintritt ins Großmutterstadium. Kann aber dieser längste Lebensabschnitt im Dasein der heutigen Frau bloß eine Zeit des Alterns, Resignierens sein?

Der Wiener Universitätsprofessor Dr. Leopold Rosenmayr antwortet darauf mit einem klaren Kein:

"Die sogenannte nachelterliche Phase der Mutter ist keinesfalls identisch mit dem Altersstadium; sie ist vielmehr ein Lebensabschnitt, den man mit dem Begriff der gepflegten Frau mittlerer Jahre umschreiben könnte. Die verschiedenen Hilfen hygienischer, kosmetischer, schmerzlindernder und schmerzausschaltender Art, die Stützen, die dem bejahrten Menschen durch die Motorisierung und durch zahlreiche physikalische Hilfsmittel verschiedenster Form geboten werden, lassen heute nicht die Großmutter, sondern erst die Urgroßmutter als alte Frau erscheinen."

Zur Untermauerung dieser soziologischen Feststellung führt Professor Rosenmayr auch biologische Fakten an. So haben neueste Untersuchungen gezeigt, daß die bloße Vorstellung vom Klimakterium und die Angst vor der mit den Wechseljahren verbundenen sozialen Abwertung wesentlich mehr Unsicherheit und Unruhe erzeugen als das Klimakterium selbst. Auf der Seite des Mannes haben medizinische Testreihen ergeben, daß sich auch gut die Hälfte aller Männer zwischen 75 und 90 noch als maskulin vollkommen intakt bezeichnen darf.