Die deutschen Spieler sahen aus, als ob sie alle Emma hießen. Deutsche Tränen netzten Wembleys heiligen Rasen. Die Engländer behielten ihre Trikots an, weil sie noch zur Königin mußten. Andernfalls hätten sie sich ihrer Wäsche sicherlich entledigt. Und sie an die Siegfried-Linie gehängt.

Die Queen schüttelte fünfundzwanzig schweißnasse Männerfäuste und bemühte sich um fünfundzwanzig kleine Lächeln. 90 000 Engländer sangen "When the Saints go marching in." Sie sagen nicht mehr: "Ihr Nieten geht nach Hause." Sieg macht großmütig.

Ein Land hatte ein anderes geschlagen, womit jenes Überlegenheitsgefühl erzeugt war, das auch der Engländer hin und wieder braucht, und dies nicht erst seit der Schlacht am Skagerrak. Jene Seeschlacht hatte sich bekanntlich zufällig entwickelt, was sich von der Schlacht in Wembley nicht sagen läßt. Hier waren zwei Mächte nach sorgfältiger Vorbereitung und tagelangen Vorgeplänkeln aufeinandergeprallt – to be, or not to be, war die Frage; Shakespeare hätte es seinen Hamlet nicht leidenschaftlicher ausrufen lassen können, als es die englischen Fußballkriegsberichterstatter taten.

Vierhundert Millionen Menschen in aller Welt guckten "Emma" auf die Füße, die Queen mußte her, selbst Muhammed Ali, vormals unter dem Namen Cassius Clay bekannt, hatte sich herbeibemüht, und Premier Harold Wilson hatte seine Spargesetze kaum verkündet, da waren sie schon etliche Male außer Kraft gesetzt.

Denn der beste Spieler des Turniers und der erfolgreichste Torschütze erhielten zigarrenlange Nachbildungen des World-Cups aus massivem Golde. Dieses Metall darf jedoch vorderhand nicht aus England ausgeführt werden, also war eine Lex Football nötig. Eusebio, der Torjäger aus Portugal, sah sich für seine vielen Goals in barer Valuta entlohnt: 11 200 Mark war der Preis für den Treffsichersten. Und da stand er nun, der arme Eusebio: im Unterhaus krakeelten der linke Labourflügel und die Konservativen gemeinsam gegen Wilsons Sparmaßnahmen, und er sollte 11 200 Mark ins Ausland transferieren, was erstens verboten und zweitens den darbenden Engländern gegenüber auch unfreundlich ist.

Aber welch kleiner Fisch ist das gegen die Summe, die der Deutsche Fußball-Bund von den Engländern zu kriegen hat. Durch die Erfolge seines Vizeweltmeisters sieht er sich nun in der verzwickten Situation, in England für fast eine Million Mark Devisen zu kassieren; denn jeder an der Fußballweltmeisterschaft teilnehmende Verband ist an den Einnahmen jener Spiele beteiligt, die seine Mannschaft bestreitet. Portugal und die Sowjetunion kassieren ähnliche Beträge wie die Deutschen. Das alles floß zur selben Stunde aus England heraus als Mr. Wilson von seinen eigenen Parteifreunden beschimpft wurde.

Der Engländer, im allgemeinen zweier deutscher Worte fließend mächtig, nämlich "Sauerkraut" und "kaputt", erfuhr per Fußballweltmeisterschaft, daß dieses Vokabular im Umgang mit den Germans vollauf genügt. "Krauts kaputt", lächelte der Zeitungsverkäufer am Flughafen, und auch ein Taxifahrer hatte sich vorher dahingehend geäußert. Lediglich ein schottischer Gentleman zeigte einen Anflug von Neid und versicherte: "Next year Scotland." Belehrt, daß seine Landsleute frühestens in vier Jahren die Chance hätten, Englands Nachfolge anzutreten, reagierte er betreten: Vier Jahre lang sollte England nun Weltmeister sein? Das dünkte ihn zu lange.