• "Klassizismus und Romantik in Deutschland" (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum): 200 Bilder und Zeichnungen dokumentieren die Kunst der Goethezeit. Sie gehören bezeichnenderweise in eine Privatsammlung, ein Museum muß strenger wählen, sich auf Spitzenstücke konzentrieren, die Falle der kleinen und mittleren Talente, die auch dazugehören, bei denen man generelle Zeittendenzen, aber auch den Geschmack und die Erwartungen des Publikums oft viel deutlicher ablesen kann als bei den Wegbereitern, bleibt den Privatsammlern überlassen. Die Sammlung des Schweinfurter Industriellen Georg Schäfer, die von Kennern seit langem gerühmt wird, vor allem wegen ihres Bestandes an deutschen Realisten, wird jetzt zum erstenmal der Öffentlichkeit vorgestellt; das Germanische Museum zeigt sie bis zum 2 Oktober, soweit sie die Kunst zwischen 1770 und 1850 umfaßt, die wahrscheinlich noch bedeutendere realistische Abteilung soll später folgen.

Die Ausstellung beginnt bei Hackert, dem Goethe eine biographische Skizze widmete. Seine "Badenden Nymphen" (1767) balancieren zwischen Rokoko und den neuen klassizistischen Idealen, die sich bei Reinhart, Schick und Koch ("Das Schöne und Erhabene sind die Vorwürfe der bildenden Kunst"), Vor allem aber bei Carstens durchgesetzt haben. Goethe hat dessen antikisierende olympische Gestalten dem romantischen Runge als das Beispiel vorgehalten, an dem er seine verworrenen Vorstellungen klären solle. Neben vielen fast vergessenen Kleinmeistern mit ihren idealisierenden Landschaften und Porträts (das Schiller-Bild des Leipziger Tischbein) bringt die Sammlung zum Thema der Frühromantik auch die großen Namen: Carus, Range (mit dem lange verschollenen "Bildnis eines Herrn mit Buch"), Kersting, vor allem aber Friedrich.

Diese Friedrich-Kollektion von 14 Arbeiten ist der interessanteste und problematischste Teil der Ausstellung. Sie umfaßt neben einigen unbestritten schönen nächtlichen Meerlandschaften auch die Bilder, die in den populären Friedrich-Monographien unterschlagen werden und in Museen selten zu finden sind, Bilder wie die "Vision der Kirche" mit den tanzenden Druiden oder "Die Kathedrale" über einem Regenbogen mit dem Kranz anbetender Engel. Gegen diese gemalte Theologie hat schon Ramdohr heftig polemisiert ("Es ist eine wahre Anmaßung, wenn die Landschaftsmalerei sich in die Kirche schleichen und auf Altäre kriechen will"). Im Ausstellungskatalog werden die Probleme der gotischen Dome, der romantischen Symbollandschaft und die vielen ungelösten Fragen, die mit den "Nazarenern" zusammenhängen, ausführlich diskutiert.

  • "Piet Mondrian" (Den Haag, Gemeentemuseum): Als die bisher größte Mondrian-Retrospektive ist die Ausstellung angekündigt, sie war vorher in Toronto und Philadelphia. 120 Arbeiten aus den Jahren 1888 bis 1943. Das Haager Gemeentemuseum, das ohnehin die umfangreichste Mondrian-Kollektion besitzt, hat dem Maler mit dieser Hommage keinen guten Dienst erwiesen. Zwei Drittel der ausgestellten Arbeiten fallen in die Jahre bis 1915, als er mit der "Stijl"-Bewegung in Kontakt kam und endlich Mondrian wurde, der abstrakte Puritaner, der das Bild auf den rechten Winkel und reine Rapporte reduzierte, "weil nur die reinen Rapporte von reinen konstruktiven Elementen zur reinen Schönheit führen können". Warum muß man aber in aller nur denkbaren Breite (mit Bildern, die vorwiegend aus der Sammlung von Mondrians Freund S. B. Slijper stammen) die 15 Jahre dokumentieren, die der konstruktiven Epoche vorangingen? Mondrians Anfänge verraten stilistische Unsicherheit, man findet stimmungsvolle Windmühlen und grasende Kühe, man findet, offenbar von Munch beeinflußt, das Triptik "Evolutie", das mit seinen nackten Astralleibern in die Schreckenskammer des 20. Jahrhunderts gehört, unbeholfen sind seine Versuche, sich fauvistische und kubistische Erfahrungen anzueignen. Man denke an Mondrians östlichen Gegenspieler Malewitsch, der ein großartiger Maler war, bevor er den Suprematismus kreierte. Angesichts dieser schwachen Bilder drängt sich dem Betrachter der Gedanke auf, hier sei einem hoffnungslos untalentierten Maler gar nichts anderes übriggeblieben, als sich in den Hafen der Geometrie zu flüchten. Die Ausstellung bleibt bis zum 7. August im Haag. Ob sie noch andernorts gezeigt wird, ist mir nicht bekannt. Paris jedenfalls hat es abgelehnt, sie zu übernehmen. Gottfried Sello