Bremen

Tausend Abonnenten der Schülerzeitung "Hermes", unter ihnen der ehemalige Bremer Gymnasiast, Staatssekretär im Auswärtigen Amt Dr. Carstens, wissen schon seit einigen Monaten, was die Bremer Öffentlichkeit und die Bundestagsfraktion der CDU/CSU jetzt erfahren haben. Zwischen dem Bundestagsabgeordneten Dr. Ernst Müller-Hermann und Heinz Ide, einem Studienrat, ist eine Fehde ausgebrochen, die – so die Tageszeitung "Weser Kurier" – "über den schon nicht mehr schulinternen Rahmen hinaus öffentliches Interesse weckt". Mit ungewöhnlicher Härte streiten sich ein Politiker und ein Lehrer über ihre Auffassungen von Politik in der Schule.

Heinz Ide, 54 Jahre alt, Fachlehrer am Alten Gymnasium für Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde, fühlt sich durch im "Hermes" veröffentlichte Äußerungen des 50 Jahre alten Bundestagsabgeordneten und CDU-Verkehrsexperten, Dr. Müller-Hermann, in seiner Lehrfreiheit bedroht. Ide hat die CDU/CSU-Fraktion in Bonn über die Kontroverse unterrichtet und zugleich den Bremer Staat als seinen Dienstherrn ersucht, "entweder ein Disziplinarverfahren gegen mich einzuleiten oder mich in geeigneter Weise gegen die Anschuldigungen in Schutz zu nehmen".

In der Schülerzeitung der Humanistischen Lehranstalt hatte ein Abiturient – er studiert jetzt Germanistik an der Freien Universität Berlin – die amerikanische Vietnampolitik kritisiert und war, Brechts Leben in "finsteren Zeiten" zitierend, für die bundesdeutsche Gegenwart zu adäquat düsteren Ergebnissen gekommen.

Nicht als Vater seiner am Alten Gymnasium lernenden Töchter, sondern als MdB mit Bonner Briefkopf und Bremer Parteiadresse, legte nun Müller-Hermann im "Hermes" seine Ansicht über den Krieg in Vietnam dar, warf dem Verfasser des Artikels vor, seine Äußerungen hätten "verzweifelte Ähnlichkeit mit der Denkungsweise, die uns aus der kommunistischen Presse nur allzu bekannt ist" und schrieb den Lehrern ins Stammbuch: "Ich halte es für sehr bedenklich, in unserer Jugend das Gefühl zu nähren, als seien die geistigen Fundamente unseres Staates, auf denen unsere Jugend später aufbauen soll, brüchig. Anstatt die Jugend an den Staat, unter dessen Schutz auch diese Zeitung ihre Meinung äußern kann, heranzuführen, wird sie diesem Staat durch solche nur negative Kritik entfremdet."

Studienrat Ide fühlte sich herausgefordert, griff zur Feder und konterte: "Ob Sie nun hinter den ‚Hermes‘-Redakteuren ‚zersetzende‘ Einflüsse aus dem Kollegium vermuten oder nicht, soll gleichviel gelten. Sie sehen, ich ziehe mir die Jacke als passend an, und ich darf bemerken, nicht nur ich tue es." Ide versicherte, er habe dem Autor des inkriminierten Artikels "bewußt provokatorisch" gesagt, er spreche die Sprache von Hilde Benjamin: "Ihnen, Herr Bundestagsabgeordneter, möchte ich mit nicht minderer Deutlichkeit sagen, ich werde immer dafür eintreten, daß der ‚Hermes‘ dergleichen Aufsätze druckt und damit zum Organ einer wirklich freien Diskussion wird."

Müller-Hermanns Verteidigung der amerikanischen Vietnampolitik attackierte der Lehrer so: "In Vietnam, sagen Sie, ständen die Amerikaner gegen einen expansiven Kommunismus, der auch unsere Freiheit bedrohe. Einen Satz von so ergreifend undifferenziertem Antikommunismus kann man – leider! – in Volksversammlungen anbringen, aber nicht in der Schulstube als Lehrer, der gegen die nachgeplapperte Phrase kämpft, weil er meint, die Voraussetzung für den freien Menschen sei die Fähigkeit, frei von Klischeevorstellungen denken zu können." Er habe es mit aufgeweckten Primanern zu tun, betonte der Studienrat: "Und die werden konkret!" Der Brief des Politikers werde ihm jetzt im Unterricht von seinen Schülern entgegengehalten "als hartes Faktum, für wie destruktiv man ‚da oben‘ solche Freiheitsauffassungen mal wieder halte."