Im Januar entwischte er ihnen, diesmal erwischten sie ihn: General Aguiyi Ironsi, den Oberbefehlshaber der 8000 Soldaten des westafrikanischen Großstaates. Nigeria. Damals schon stand der schnurrbärtige Haudegen auf der Todesliste der Offiziersrebellen. Seiner Autorität waren die meuternden Majore jedoch nicht gewachsen. Beinahe ohne sein Zutun fiel ihm die Macht zu, nachdem die Führer Nigerias im Geschoßhagel der Putschisten umgekommen waren.

Wider Willen wurde Ironsi zum Vollstrecker der Revolution, ein Nagib ohne Nasser. Eine Konterrevolution junger Offiziere fegte ihn jetzt hinweg. Fast alle zählten zum rückständigen Stamm der Haussani aus dem muslimischen Norden. Jene Rebellen im Januar gehörten hingegen zum zivilisierten Stamm der Ibos aus dem christlich-heidnischen Süden. Zufällig war auch Ironsi ein Ibo, so daß sein Regime von den Nordnigerianern, die trotz Übergewichts an Menschen und an Raum ihre Minderwertigkeitskomplexe (oder auch ihre hochmütige Herablassung) gegenüber dem Süden nie abgelegt haben, bald als Vorherrschaft eines Stammes mißdeutet wurde. Sein Nachfolger, der 30jährige Oberstleutnant und Sandhurst-Zögling Yakubu Gowon, ist ein Mann des Nordens, aber auch das ist eher ein Zufall, denn er ist kein Muslim, sondern Christ.

Für den Europäer sind diese Einzelheiten reichlich verwirrend, aber es darf auch ihnen nicht gleichgültig sein, was in dem größten und reichsten Land Afrikas vor sich geht. Nigeria, eine der genialsten Schöpfungen der britischen Kolonialherrschaft, galt lange Jahre als demokratisches Musterländle, als eine Art afrikanische Schweiz. Seine Staatsmänner jedoch waren von der Aufgabe überfordert, drei Völker, die nach Glauben, Bildung und Lebensweise so wenig miteinander gemein haben wie Lappländer und Kreter, nach demokratischen Rezepten zu einer Nation zu verschmelzen.

Auch die Armee schaffte es nicht. Nur mit Kommandieren läßt sich kein Land regieren, das zur Hälfte noch mittelalterlichen Lebensformen unterworfen ist, dessen Industrialisierung in den Anfängen steckt und dessen Intelligenz am Hungertuch nagt. Ironsis eiserner Besen säuberte zwar die Amtsstuben von korrupten Beamten (nicht alle waren Taugenichtse), aber er selber mußte sich nachsagen lassen, daß er den eigenen Freunden zu viel vertraue. Er wollte die Verfassung, die den Bund zugunsten der Länder schwächte, an Haupt und Gliedern reformieren. Aber mit seiner Radikalkur im Mai, der Auflösung der Föderation und der Umwandlung der Regionen in Provinzen tat er des Guten zuviel. Durch den ganzen Norden ging ein Sturm der Entrüstung. Die Ibos – ob ihres Fleißes und ihrer Geschäftstüchtigkeit ähnlich verhaßt wie vielerorts die Juden – wurden blutigen Pogromen ausgesetzt.

Aber damals drohte Nigeria in Bürgerkrieg und Chaos zu versinken. "Die Fundamente der Einheit sind nicht vorhanden, weder politisch, wirtschaftlich noch gesellschaftlich, oder sie sind schwer erschüttert", klagte Oberst Gowon. Das Experiment mit dem Einheitsstaat ist mißglückt, aber auch die alten Rezepte der Zivilregierung, zu denen das Militär nun seine Zuflucht nimmt, taugen nichts mehr: Jeder Versuch der Feudalherrscher des Nordens, ihre Vormacht im Süden wiederaufzurichten, wird auf die Gegenwehr der Ibos und Jarubas stoßen, die den größten Teil des Offizierskorps stellen.

Permanente Anarchie oder Putsch in Permanenz? Angesichts solcher Perspektiven gewinnt Gowons Versprechen an Glaubwürdigkeit, daß sobald wie möglich wieder die Zivilisten regieren sollen.