Die Krise auf dem deutschen Kapitalmarkt treibt ihrem Höhepunkt entgegen. Die vorübergehenden Kurserholungen – lediglich "technischer" Natur – können nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Börse noch harte Wochen und Monate vor sich hat. In dieser Lagebeurteilung sind sich fast alle Banken einig. Andererseits bestanden bislang kaum Meinungsverschiedenheiten darüber, daß mit dem Ende der Restriktionsperiode den deutschen Aktienkursen eine kräftige Aufwärtsbewegung bevorsteht. Aber wird sie von Dauer sein? Das Hamburger Bankhaus Schröder Gebrüder & Co., das mit seiner aufregend pessimistischen Börsenprognose vom Frühjahr 1965 "richtig gelegen" hatte, meldet in seiner neuesten Analyse einige Zweifel an.

Im Gegensatz zu manchen anderen Banken, die ihrer Kundschaft raten, vorsichtig und zeitlich gestreckt mit dem Kauf deutscher Aktien zu beginnen, weil nach der wirklichen Tendenzwende kein Material mehr in ausreichender Menge zu annehmbaren Kursen zur Verfügung stehen wird, hält das Bankhaus Schröder Gebrüder & Co. den Zeitpunkt zum Erwerb deutscher Aktien noch nicht für gekommen.

Zu diesem Schluß kommen die Analytiker, meine verehrten Leser, nach einer eingehenden Untersuchung der monetären Strömungen in der Welt. Ich will hier nicht im einzelnen auf die Gedankengänge der Publikation eingehen, sondern die Konsequenzen aufzeigen, die das Hamburger Bankhaus gezogen wissen will.

Unter der Voraussetzung, daß die USA ihre inflationistische Politik fortsetzt, sind nach Ansicht der Verfasser folgende "Lösungen" der monetären Probleme theoretisch einzukalkulieren und auf ihre Wirkung hinsichtlich der langfristigen Kapitalanlage zu prüfen:

1. Das bisherige Spiel setzt sich fort: Europa inflationiert schneller als die USA. Folge: größere Ertragssteigerungen bei den US-Unternehmen zu erwarten als bei den europäischen. In diesem Fall bieten unter dem Gesichtspunkt des Ertragsdenkens US-Aktien größere Kurschancen als europäische.

2. Die USA exportieren nur einen Teil ihrer inflationären Tendenzen, der andere Teil, bleibt im Inland, etwa der gegenwärtige Trend, so sind weitere dirigistische Eingriffe im internationalen Kapitalmarkt zum Schutz der eigenen Industrie zu erwarten.

Da die USA die einzige, in jeder Hinsicht autarke Volkswirtschaft der westlichen Welt haben, würde die US-Wirtschaft am ehesten mit einem Zerfall der internationalen Arbeitsteilung fertig werden. Die stark export-orientierten europäischen Volkswirtschaften werden von einer solchen Entwicklung zweifellos stärker betroffen.