Von Hilke Schlaeger

Vor der Tür der Rudolf-Steiner-Schule in Bochum standen zwei Knaben: ein sehr junger Törless, der meinem Bemühen, bei strömendem Regen aus dem Taxi zu gelangen, interessiert, aber kühl bis ans Herz zuschaute, und ein freundlich grinsender Beatle, der, als ich ganz draußen und schon halb naß war, schließlich doch mit einem Regenschirm herbeigeswingt kam. Sie sahen beide eigentlich ganz normal aus.

Die Bochumer Schule, die zur Einweihung eines neuen Schulhauses eingeladen hatte, gehört zu den Freien Waldorf-Schulen, einer Gruppe von Privatschulen, deren Unterrichtssystem auf der Anthroposophie aufbaut.

Die Farbigkeit, die diese und andere private Unterrichtsstätten ins Einerlei des deutschen Schulwesens bringen, scheint gar nicht so leicht zu beurteilen. Privatschulen besieht man zwar durchweg mit freundlichem Wohlwollen, werden sie aber von irgendeiner "Bewegung" unterhalten, vor allem mit kaum verhüllter Skepsis.

Daß aber nur die staatlichen Schulen (in klassischer Dreiteilung, hier und da mit leichten Abweichungen vom Schema Volksschule, Mittelschule, Oberschule) zum ersehnten Bildungsziel führen, ist sicher ein Vorurteil – und ebenso die Meinung, daß Abweichler gleich Hinterwäldler, Nichtskönner und arme Verwirrte sein müssen.

Die erste der Freien Waldorf-Schulen wurde 1919 gegründet. Emil Molt, Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart, der sich in für die Zeit ungewöhnlicher Weise für soziale Maßnahmen einsetzte, nahm eine Anregung seiner Arbeiter auf, die sich für ihre Kinder eine Betriebsschule wünschten. Er wandte sich an Rudolf Steiner und bat den Gründer der anthroposophischen Bewegung um Unterstützung.

Steiner war lange Jahre Privatlehrer gewesen, hatte von 1899 bis 1904 an der Arbeiterbildungsschule in Berlin unterrichtet und 1907 seine Ideen über "Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft" veröffentlicht. Er griff jetzt zu und richtete die Betriebsschule der Zigarettenfabrik als einheitliche Volks- und Höhere Schule ein.