Von Siegfried Lenz

Welcher nordische Gott auch die Flensburger Förde erschuf – er hatte den Blick des Amateurphotographen. Er wollte augenscheinlich weniger erregen als erheitern, nicht so sehr herausfordern, als auf schläfrige Weise erfreuen; ein früher Liebhaber der Postkarte war hier am Werk, ein Freund des gefälligen Panoramas, ein temperamentloser Urheber von Gegend, die den Betrachter, nun ja – durch ansehnliche Langeweile erquickt. Hier reitet kein Schimmelreiter im Zwielicht vorüber. Hier hat die Ostsee Mühe, ihre Erregung glaubwürdig zu machen. Dem Wasser fehlt das düstere Grün, das Nolde der Nordsee absah, und dem Himmel fehlt das Zinngrau mit den schlohweißen Bissen, das im Westen, von Heide bis Husum, bekannt ist.

Eigensinnig versucht die Flensburger Förde, ein norddeutscher Lido zu sein: Unter arglosem Blau bietet sie sich an, gibt sich sorglos, fröhlich, von gleitenden Segeln bestückt, sie hat stille Heiterkeit angelegt und möchte gern von Dufy gemalt werden. Die mitunter steil ansteigende Küste ist bewaldet; alte Buchen zwingen den Wind, sich erträglich aufzuführen. Auf den bewaldeten Hängen hat sich hier und da bürgerliche Sehnsucht einen Alterstraum errichtet: eine Veranda für matte Tage, eine Loge für den Feierabend, von der man hinabblickt auf die bierflaschengrüne Förde, in deren Mitte etwa die Landesgrenze verläuft. Hotels, Bade- und Strandhotels garnieren den Saum der Förde, viele Fenster stehen offen, tropfnasses, verfilztes Badezeug hängt da zum Trocknen. Der Strand ist stellenweise sandig. Einige Ecken sind verschilft, steinig, verkrautet. Pfähle, in denen Aalreusen hängen, markieren die Buchten, und in flachem Wasser warnen wippende Fähnchen vor ausgelegten Schollennetzen.

Armada der Schnapsschiffchen

Bei Sönderhav erheben sich die beiden Ochseninseln aus der Förde, grüne, braungefleckte Erdstücke, mit denen, so scheint’s, zwei Riesen einst den Kugelstoß übten. Zwischen Kollund und Flensburg, quer durch das schläfrige Ballett der Segel, tuckert die weiße, gutmütige Armada der Schnapsschiffchen, auf denen von unwirschen Verkäufern zollfreier Rausch angeboten wird. Sie singen auf den weißen Schiffen, sie trinken und schwanken und kotzen einen Tageslohn in die fischreiche Förde. Das große graue Schiff, das in der Höhe von Mürwik vor Anker liegt, hat weder acht Segel noch hundert Kanonen; es ist ein gedrungener Tanker der NATO-Flotte, der die hier stationierten Minensucher versorgt. Der Tanker befleckt die Idylle. Er versaut die Postkarte. Daran können auch die Herings- und Mantelmöwen nichts ändern, die hier ihre dekorativen Aufgaben erfüllen und sowohl deutsche wie dänische Badegäste umschichtig erfreuen.

Auf deutscher Seite ist das Badeleben lauter, wimmelnder, augenfälliger: Das paddelt auf Gummitieren, das spritzt und plärrt und schneidet sich an scharfen Muscheln den Fuß auf, das gräbt sich Sandburgen, macht Bocksprünge und zerschneidet sterbende Quallen. Auf dänischer Seite trinkt man angesichts der Förde vor allem Kaffee, löffelt nachdenklich Sahne und ißt goldbraune, weichgebackene Stücke Konfekt, bevor man eine Fahrt auf dem Schnapsschiff unternimmt. Hüben wie drüben jedoch brummen Busse mit Krankenschwestern, Forsteleven und Hausgehilfinnen die Strandwege hinab, und erhitzte, gerötete Gesichter erscheinen hinter den Scheiben, und vierzig Photoapparate richten sich auf die unschuldige Förde und werden ihre Ansicht nach Duisburg und Ingolstadt mitnehmen.

überall Land in Sicht