Von Horst-Dieter C. Ebert

Eine Dokumentation über den Krieg in Vietnam sei, insbesondere wenn sie aus Ostberlin stamme und schon deshalb voraussichtlich nicht die erforderliche Objektivität garantiere, kein Theaterstück und habe daher auf der Bühne nichts zu suchen; das nämliche gelte für die Lesung der Hamburger Studiobühne zum gleichen Thema, der Titel "Ami go home" lasse eine einseitige politische Agitation befürchten. Mit dieser bemerkenswerten Erklärung und der kategorischen Forderung, die beiden Veranstaltungen vom Programm abzusetzen, da sie andernfalls ihre Finanzierungszusagen nicht einhalten könnten, konfrontierten das Festival-Kuratorium der Stadt Erlangen und das von ihm auf geschreckte Bonner Innenministerium die Veranstalter der 16. Internationalen Theaterwoche der Studentenbühnen knapp eine Woche vor deren Beginn.

Zwar hatte ihr schon vor zwei Jahren einmal der zuständige Bonner Regierungsrat nach Besichtigung einer kritischen Deutschland-Revue der Frankfurter Neuen Bühne das Prädikat "förderungswürdig" zeitweilig entzogen; ein Zensurversuch wie der diesjährige jedoch hatte noch nie stattgefunden. Nur die – mit der "gegenwärtigen politischen Situation in der Bundesrepublik" begründete – Absage der Humboldt-Universität, die glücklicherweise vor Bekanntwerden der behördlichen Interventionen erfolgte, ließ neue Verhandlungen und einen kuriosen Kompromiß zu: Dem Titel der Hamburger Lesung wurde im offiziellen Festival-Programm ein Fragezeichen appliziert, das den Imperativ versöhnlich zu einem zweifelnden "Ami go home?" umpolen sollte – ebenso könnte man versuchen, das berüchtigte Wort des Götz von Berlichingen durch ein Fragezeichen zu entschärfen. Immerhin war durch diese Interpunktionsänderung den vierzehn teilnehmenden Gruppen aus acht europäischen Ländern, darunter Jugoslawien, Polen und der Tschechoslowakei, noch einmal der Weg auf die Bühne des Markgrafentheaters geebnet.

Obwohl der Kreis der auftretenden Ensembles aus finanziellen Gründen kleiner gehalten worden war als in den Vorjahren, können die Leistungen dieses Festivals durchaus mit jenen früherer Jahre konkurrieren.

Dem größten Interesse begegnet naturgemäß das "anstößige" Unternehmen der Hamburger Studenten. Unter dem Transparent "Demokraten aller Länder, informiert euch!" treten vor dem erleuchteten Parkett die sieben Darsteller an die Rampe der Szene, die den Blick freigibt bis zur Brandmauer der Hinterbühne. Sie tragen Schilder mit den von Anti-USA-Demonstrationen bekannten Parolen "Reis statt Napalm" oder "Ami go home". Sie stehen dort wortlos, bis das Publikum unruhig wird. Dann beginnt einer: "Wir halten folgende Wahrheiten für selbstverständlich..und das Ensemble spricht die wesentlichen Punkte der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776. Dies – wie die ganze Lesung – geschieht sachlich, ohne rhetorische Tricks; es sollen nur die in schnellem Tempo vorgetragenen Dokumente, nicht die Dokumentaristen zur Wirkung kommen.

Im ersten Teil werden die historischen Grundlagen der vietnamesischen Situation, im zweiten "Ansätze zu einer politischen Argumentation" vorgetragen. Die Arrangements auf der Bühne sind spröde; nur selten wird "gespielt": wenn ein nationalistischer Erfolgsautor entlarvt wird, wenn die Diem-Clique wie bei Brecht der Arturo Ui und seine Schergen wie ein Gruselkabinett ausgestellt wird. Es ist das antikulinarische Theater, die hochartifizielle Bemühung, Illusion, Ästhetisches, Gefühlsmache, kurz: all das, was unter den Begriff "Theaterkunst" fällt, zu vermeiden. Nur am Schluß ein kurzer Ausbruch: ein paar Anti-US-Slogans, ins Parkett geschrien vom ganzen Ensemble, das dann fluchtartig die Bühne verläßt und das Publikum sich selbst und jenen Argumenten ausliefert, die das Nachrichten-Vokabular der Pragmatiker aus dem Bewußtsein zu drängen sucht.

Neben der Hamburger Demonstration, der erst die Polen in der Diskussion das, Fehlen jeder kommunistischen Ideologie attestierten und dann der Erlanger Oberstadtdirektor bescheinigte, sie habe jene künstlerischen Erwartungen erfüllt, die man an eine Theatervorstellung knüpfe, bot die Gruppe aus Parma die eindrucksvollste Inszenierung. Die Italiener brachten Rabelais’ "Gargantua" als eine farbig-turbulente Kriegschronik auf die Bühne, als eine Belehrung über den rechten Pazifismus, der erst wirksam wird, wenn er den Kriegstreibern die Macht nimmt. Die durch Witz und Tempo vergnüglichste Aufführung verbindet Engagement und Artistik, die Lehren von Brecht und die Praxis Planchons zu einem Abend, der weit über das Studententheater hinausweist.