Über die politische Karriere des Deputierten Louis Vallon wäre wenig Aufregendes zu berichten gewesen. Doch vor einem Jahr machte der 65jährige Vorsitzende der Finanzkommission der französischen Nationalversammlung plötzlich Schlagzeilen mit einem parlamentarischen Routinevorgang: In einem Zusatzantrag zum Finanzgesetz, der vom Parlament dann mit großer Mehrheit gebilligt wurde, forderte Vallon die Regierung auf, zum 1. Mai dieses Jahres eine Gesetzesvorlage über die Beteiligung der Arbeitnehmer an den reinvestierten Gewinnen der Unternehmen einzubringen.

Wie ein Stein, der in ein ruhiges Gewässer geworfen wird, löste das Amendement Vallon erhebliche Unruhe aus. Selten ist an der Seine ein Parlamentsantrag so heftig diskutiert worden, innerhalb und außerhalb des Parlaments und der Ministerien. Selten auch hat ein Antrag die Regierung so in eine innenpolitische Zwickmühle getrieben.

Angesichts der starken Opposition von vielen Seiten beschritt die Regierung erst einmal den Weg, den Minister gern beschreiten, wenn sie in Bedrängnis sind: sie setzte einen Ausschuß ein, die Kommission Mathey. Es dauerte denn auch lange, bis die Kommission jetzt dem Finanz- und Wirtschaftsminister Michel Debré ihren Bericht vorlegte.

Den Kommissionsmitgliedern lag die Frage vor, wie die Arbeiter in der Praxis am reinvestierten Gewinn beteiligt werden könnten. Sollten, so lautete die Alternative, Aktien des Unternehmens ausgegeben werden, oder sollten sie an einem gemeinsamen Fonds beteiligt werden, der die Arbeitnehmeranteile an den Unternehmen verwaltet?

Um es vorwegzunehmen: Vallon hat mit seinen Vorschlägen kein Glück bei der Kommission gehabt. Sie spricht sich gegen eine zwangsweise Beteiligung der Arbeiter am reinvestierten Gewinn aus, weil dies nach ihrer Ansicht schwierig durchzuführen sei und dem Arbeiter zudem wenig Nutzen bringe. Die Kommission plädiert vielmehr dafür, daß zwischen den Unternehmen und den Arbeitern freiwillige Vereinbarungen über die Gewinnbeteiligung geschlossen werden.

Ein Regierungsentwurf zu dieser Frage ist nun nicht vor dem Herbst zu erwarten, womit die Regierung ihr erstes Ziel erreicht hat, sie hat Zeit gewonnen. Denn je mehr Zeit verstreicht, desto mehr beruhigen sich die Gemüter, und auch die UNR, die Partei de Gaulles, die Vallon zuerst unterstützte, hat inzwischen Angst vor ihrer eigenen Courage bekommen.

Finanzminister Debré selbst hat aus seiner Abneigung gegen den Vorschlag Vallons nie einen Hehl gemacht. Er befürchtet, daß die Selbstfinanzierung der Unternehmen, die er gerade wieder ein wenig in Schwung gebracht hat, dann völlig versiegen würde. Die gesamte Wirtschaftsexpansion und die Erreichung der Ziele des fünften Plans würde damit in Frage gestellt.