Der Minister mußte sich allerdings auch fragen, ob es politisch klug gewesen wäre, für die Pläne Vallons einzutreten. Mußte er doch feststellen, daß erstmalig in Frankreich Gewerkschaften und Arbeitgeber Hand in Hand gegen einen Plan auf die Barrikaden gestiegen sind – wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen. Der Bericht der Kommission kam ihm daher sehr gelegen und bestärkte ihn in seiner Haltung, daß nichts übereilt werden dürfe.

Die Gewerkschaften betrachten das Amendement Vallon als eine Falle. "Man will die Arbeiter von ihrem wirklichen Ziel, der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen, ablenken", erklärte die kommunistische Confederation Generale du Travail. "Die Arbeiter wollen einen guten Lohn und keinen Besitztitel", argumentiert die sozialistische Force Ouvriére.

Die Arbeitgeber wiederum sehen den Vallon-Plan als ein Trojanisches Pferd an, mit dem die Mitbestimmung und heimlich gar die Sozialisierung eingeschmuggelt werden soll. Und das wollen sie auf keinen Fall akzeptieren.

Dem alten und abgedroschenen Argument der Unternehmer, daß die Arbeiter am Unternehmerrisiko nicht beteiligt seien, hält Vallon die Frage entgegen: Tragen die Arbeiter wirklich kein Risiko, wenn die Geschäftsführung versagt oder die Konjunktur sich verschlechtert?

Und wenn die Unternehmer dafür eintreten, daß die Arbeiter den Weg zur Börse finden und ihre Ersparnisse dorthin tragen – in Frankreich gibt es nur eine Million Aktienbesitzer, in den USA 20 Millionen –, so argumentiert Louis Vallon, daß eben die Beteiligung der Arbeiter am reinvestierten Gewinn der erste Schritt zur Volksaktie sei. Nur so könne das Privatunternehmertum höhere Investitionen vornehmen und damit größere Leistungen erzielen. Der Arbeitnehmer müsse einen Teil der Verantwortung übernehmen.

Der zornige Gaulliste de gauche, ein Sozialist, der aus "alter Liebe" für de Gaulle das politische Etikett des Generals gewählt hat, ist trotz der feindseligen Haltung der Arbeitgeber und der Gewerkschaften und trotz der Reserve der Regierung voller Optimismus. Er verweist auf Vorbilder. Ist nicht bei Péchiney, dem großen Chemie-Konzern, ein System der Gewinnbeteiligung mit Erfolg eingeführt worden? Und hat nicht bei der Getränkefirma Ricard ein ähnliches System zu einer außergewöhnlichen Produktivitätssteigerung geführt? Vallon sieht im Geiste schon, wie eine zwangsweise Gewinnbeteiligung für alle Arbeiter der französischen Wirtschaft neue Kräfte zuführen und ihr großen Auftrieb geben wird.

Für ihn ist der Gewinn die Frucht von Arbeit und Kapital; darum soll er auch beiden Seiten zugute kommen. Es gibt für Vallon keinen Grund, warum der reinvestierte Gewinn allein den Aktionären vorbehalten sein soll. Bei diesen Gedankengängen sieht er sich unterstützt von der katholischen Kirche; hat doch Papst Johannes XXIII. in seiner Enzyklika Mater et Magister sich in behutsamen Worten für eine Gewinnbeteiligung der Arbeiter ausgesprochen. Aber auch bei einflußreichen Franzosen, wie beispielsweise dem Plankommissar Pierre Masse, hat Vallon Unterstützung gefunden.