Weltgeschichte entsteht wie alle anderen Geschichten. Es fällt den Autoren nichts Neues ein, und sie schreiben einer vom anderen ab.

Robert Musil

Piscators Nachfolge

Mitten in den Theaterferien kam überraschend die Nachricht, daß der seit dem Frühjahr unbesetzte Intendantenstuhl der Freien Volksbühne Berlin, für den eine Zeitlang Giorgio Strehler vom Piccolo Teatro in Mailand genannt worden war, nur. von Hans Jörg Utzerath eingenommen werden soll. Utzerath war bisher Leiter der Düsseldorfer Kammerspiele, wo er mit jungen Schauspielern und Regisseuren einen eigenwilligen und lebendigen Spielplan gemacht hat. Als Regisseur hat er sich den Berlinern bereits vorgestellt: mit Saunders’ "Ein Eremit wird entdeckt" und der Grass-Uraufführung "Die Plebejer proben den Aufstand". Als Intendant der Freien Volksbühne übernimmt er nun das in seiner Organisation wohl komplizierteste Berliner Theater und dazu ein heikles und schwieriges Erbe.

Moskauer Kritik an Grass

Die Literaturnaja gaseta nennt Günter Grass einen bösen Satiriker. In einem längeren Artikel wirft sie ihm vor, daß einerseits seine Satire, ohre genaues Ziel, sich selber vergeude, daß andererseits seine Ziele falsch seien. Zwar verspotte er das westdeutsche Wirtschaftswunder, aber er verleumde auch die DDR. Er hasse zwar aufrichtig den Faschismus, aber er lasse auch keine Gelegenheit aus, am Sozialismus herumzukritteln. In einem Punkt scheint sich die Literaturnaja gaseta einig mit vielen westdeutschen Kritikern: Sie kreidet dem Autor an, daß er keine gesellschaftlichen und moralischen Tabus anerkenne. Es fällt auf, daß die Moskauer Zeitung dabei größere Verwandtschaft mit unseren "Rechts"-als als mit den "Linksintellektuellen" zeigt.

Ruchlose Tat?