Von Heinz Josef Herbort

Es begann mit einer ausgewachsenen Verkehrskatastrophe: keine Taxis, keine Parkplätze, kilometerlange Stauungen durch die ganze Stadt; für eine Strecke von sonst sechs Autominuten brauchte man fünfundfünfzig. Das verdarb den paar glücklichen zweitausendeinhundertachtundfünfzig Kartenbesitzern, die legaliter zwischen 16 und 125, etwas außerhalb der Legalität bis zu tausend Mark gezahlt hatten, zum erstenmal die Stimmung.

Es begann weiter mit dem berühmt-berüchtigten Salzburger Schnürlregen. Der verdarb den Spalier bildenden Schaulustigen den Abend: Die Prominenz in Seide, Nerz und falschem Haar versagte sich den großen Auftritt und ließ sich erst in der Pause von ihresgleichen bewundern.

Es begann schließlich – und das überraschte zumindest all jene, die zuvor die Plattenaufnahme der "Carmen" mit Herbert von Karajan wenn nicht hinreißend, so doch brillant fanden – zwar im vorgeschriebenen Allegro giocoso, aber keineswegs mit dem gewohnten Feuer, durchaus nicht so zündend im Rhythmus wie in Hi-Fi auf der stereophonen Langspielplatte. Es endete mit einem Beifall, den ich im Vergleich zu anderen Karajan-Auftritten zögernd oder lustlos nennen möchte.

Dazwischen lag ein Festspiel-Desaster: Das Ereignis der diesjährigen Salzburger Festspiele, Bizets "Carmen" mit Grace Bumbry unter Herbert von Karajans Direktion, wurde zu einem Akt einer Entmythologisierung. Zwei Götter stürzten von ihrem Postament: ein Dirigent, der sich für einen Regisseur hielt, und eine Sängerin, die erfahren mußte, daß Carmen keine Schwarze Venus ist.

Die Bombe an die Standbilder legte der Dramaturg Herbert von Karajan.

Im ersten Bild haben die gelangweilten Soldaten die – um in der alten Übersetzung zu bleiben – "Menge im Gedränge" zu beobachten. Also bringt Herbert von Karajan halb Sevilla auf die Bühne, schwatzende weibliche Bürgerlichkeit in Schwarz und Weiß bei der Promenade, Kellner, Melonenverkäufer und raufende Knaben. Aha, denkt man, so etwas wie realistisches Musiktheater also, ein Bild des Lebens, herausgeschnitten aus dem Alltag.