In den letzten Tagen war die Tendenz auf dem Renten- und Aktienmarkt bemerkenswert widerstandsfähig. Bei den festverzinslichen Papieren gab es sogar geringfügige Kurssteigerungen. Die Anleger sind der Meinung, daß der Geld- und Kapitalmarkt nunmehr das Schlimmste überwunden hat. Dabei setzen sie allerdings voraus, daß die in der parlamentarischen Beratung befindlichen Stabilisierungsgesetze noch in diesem Jahr in Kraft treten werden.

Was aber geschieht, wenn in Bonn nichts geschieht? Auch für diesen Fall haben die Börsianer einen Trost anzubieten. Sie meinen, daß es sich die Bundesbank nicht leisten kann, ihre Restriktionspolitik noch viel länger durchzuhalten, weil auf die Dauer eine auf Export angewiesene Wirtschaft nicht ohne Zufluß von neuem Kapital bleiben kann. Die Bundesbank würde dann, so wird argumentiert, nach Wegen suchen müssen, die private Wirtschaft am Leben zu erhalten, ohne die öffentliche Hand von dem Zwang zu befreien, ausgeglichene Haushalte vorzulegen. Ein Rezept jedoch, wie sich das verwirklichen läßt, hat niemand zur Hand.

Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, wenn trotz des gewachsenen Optimismus weiterhin vorsichtig disponiert wird. Niemand denkt daran, schon heute sein ganzes Pulver zu verschießen, also sämtliche zur Wertpapieranlage bestimmten Mittel bereits jetzt einzusetzen. Dies um so weniger, als mit dem 10. September wieder ein harter Steuertermin vor der Tür steht und das Geld noch einmal sehr knapp werden wird. Immerhin haben die zur Börse getragenen Gelder in den vergangenen Tagen ausgereicht, um die ständig aus den USA zurückfließenden deutschen Aktien ohne neue Kurseinbußen aufzunehmen. Es ist geradezu erstaunlich, welche Beträge hier im Bereich der langfristig disponierenden Anleger Tag für Tag untergebracht werden. Diese Quelle wird auch in Zukunft noch munter sprudeln, denn von der Regierung in Washington wird ein moralischer Druck auf die amerikanischen Investmenttrusts ausgeübt, sich möglichst weitgehend von europäischen Aktien zu trennen, um auf diese Weise einen Beitrag zur Verbesserung der US Zahlungsbilanz zu leisten.

Das neu zur Börse fließende Geld wird in etwa durch die US Rückflüsse absorbiert. Kritisch wird die Situation stets dann, wenn daneben noch Kapitalerhöhungen durchgeführt werden müssen, wie kürzlich bei Conti Gummi. Ober den Erwerb von Bezugsrechten konnte man junge ContiGummi Aktien zum Kurs von 203 bis 205 Prozent beziehen, die bei einer sicheren Dividende von 12 Prozent eine Rendite von etwa 6 Prozent bringen! Diese Sondersituation hat sich der Berufshandel zunutze gemacht und größere Posten in der Hoffnung erworben, daß das Papier schon in allernächster Zeit um 40 bis 50 Punkte steigen wird. Die Kursdifferenz zwischen den alten und jungen Conti Gummi Aktien war zeitweise so groß, daß es sich lohnte, alte zu verkaufen und mit dem Erlös junge zu kaufen. Zu spekulativen Erwägungen gab das inzwischen placierte Schuldscheindarlehen der Farbenfabriken Bayer über 50 Millionen Mark Anlaß, das — wie in Leverkusen erläutert wurde — für ein Sondergeschäft gedacht ist. An dieser Auskunft rankte sich die Börsenphantasie empor. Einmal hieß es, Bayer würde das Geld benutzen, um nun endlich die Phrix Majorität zu übernehmen. Dem stehen mehrere Erklärungen der