Von Thomas v. Randow

Was mag den 24jährigen Studenten Charles Whitman dazu getrieben haben, seine Frau und seine Mutter umzubringen, sich dann schwerbewaffnet auf die Aussichtsplattform des höchsten Gebäudes der Universität in Austin (Texas) zu begeben und von dort herab scharf zu schießen – auf menschliche Ziele, wobei er dreizehn Passanten erschoß und über dreißig verwundete? Hätte diese Wahnsinnstat verhindert werden können? Und wenn, wie? Kann sich die Gesellschaft überhaupt a priori vor solcherlei Ausbrüchen schützen?

Diese Fragen werden in der durch zwei Massenmorde – drei Wochen zuvor hatte in Chikago ein ebenfalls junger Mann acht Lernschwestern auf bestialische Weise getötet – aufgeschreckten amerikanischen Öffentlichkeit diskutiert, und nicht nur dort. Die Unbegreiflichkeit rührt insonderheit von folgenden Tatsachen her:

Whitman war der Prototyp des "Good American Boy", ein strebsamer, bei seinen Kommilitonen und Professoren beliebter Student, Leiter einer Pfadfindergruppe, verantwortungsbewußter Ehemann, Sportler, ehrenvoll aus dem Militärdienst bei Amerikas Elitetruppe entlassener Soldat. Ein Idol hätte er demnach sein müssen, niemals ein Mörder. Wie eine Erlösung wurde deshalb der Befund aufgenommen, den die Obduktion des Täters, der nach dem Gemetzel schließlich von der Polizei niedergestreckt wurde, ergab: Ein walnußgroßer Tumor fand sich in seinem Gehirn.

Ein Tumor also, eine Geschwulst im Kopf bot sich plötzlich der ratlosen Öffentlichkeit fast willkommen als Lösung jenes quälenden Widerspruchs an, der zwischen dem "guten Jungen" und dem Gewaltverbrecher von Austin bestand.

Der Schreckensmorgen auf dem Campus der Universität könnte in der Tat die Folge einer solchen physischen Abnormität gewesen sein. Vielleicht hatte das drückende Gewächs in den Hirnwindungen die Funktion eines Kontrollzentrums blockiert. Vielleicht hatte der Kranke die starken Kopfschmerzen, durch den Tumor hervorgerufen, als Aggressionsdruck empfunden? Oder hatte die Geschwulst womöglich gar keinen Zusammenhang mit der Mordtat?

Niemand vermag es zu sagen. Und schließlich sollte man nicht vergessen, daß Tausende ein braves Bürgerleben lang eine Geschwulst im Kopf tragen, deren Existenz sich niemals bemerkbar macht. Andere Tausende haben Hirntumore und sterben daran, ohne jemals von Mordgelüsten gepeinigt worden zu sein.