Walter Ulbricht läßt seine Mauer feiern – mit Truppenparaden und befohlener Volksfeststimmung. An seinem fünften Geburtstag ist das häßliche Monstrum aus Stacheldraht und Beton – will man der Propaganda glauben – zur liebsten und stolzesten Errungenschaft des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates geworden.

Haben die deutschen Kommunisten vielleicht wirklich Anlaß zum Feiern? 1961 stand die DDR-Wirtschaft wahrscheinlich kurz vor dem Zusammenbruch. Mit der Mauer entstand das, was ausländische Beobachter bisweilen das "zweite deutsche Wirtschaftswunder" nennen. Vor dem 13. August 1961 hoffte noch ein großer Teil der ostdeutschen Bevölkerung auf die Befreiung durch den Westen. In den fünf Jahren danach wuchsen in der DDR Enttäuschung und Skepsis gegenüber der Bundesrepublik und der Wunsch, mit der SED besser zu leben.

Der 13. August 1961 war schließlich der Tag, an dem das Bonner Deutschland-Konzept endgültig scheiterte. Diese Erkenntnis beginnt sich nun mit fünfjähriger Verspätung auch in der Bundesrepublik durchzusetzen. Das sind für Ulbricht Gründe zum Feiern. Allerdings – die Bilanz der letzten fünf Jahre hat für die SED auch eine Minusseite. Jene, die nicht mehr entfliehen können, die zum Arrangement gezwungen werden, rütteln nun von innen an den Grundfesten der Diktatur.

Eine Jugend, die das sozialistische Gesellschaftssystem hinnimmt oder auch billigt, aber nach einem menschlicheren und demokratischeren Kommunismus strebt, ist ein ernst zu nehmender politischer Faktor für das Regime geworden. Und überdies drückt das Gefühl des Eingesperrtseins Nichtkommunisten und Kommunisten von Jahr zu Jahr immer mehr. Solange das Mißtrauen der Führung gegenüber der eigenen Bevölkerung ihr steinernes Symbol hat, wird die SED von ihren Untertanen auch kein wirkliches Vertrauen verlangen können. Die Mauer ist so nach fünf Jahren noch immer Ulbrichts politischer Trumpf und zugleich die schwerste Hypothek seines Regimes. K. H.